Ein Rebell steckt im Vogelkäfig

Indie-Rockstar Peter Doherty hat mit seinem neuem Album „Hamburg Demonstrations“ eine Art musikalisches Tagebuch verfasst.

Peter Doherty spielte am 16. und 17. November im Pariser Bataclan: Macht Musik statt Terror, so die Botschaft.
© APA/AFP/BERTRAND GUAY

Von Silvana Resch

Innsbruck –Kaum ein Artikel über Peter Doherty, in dem nicht daran erinnert wird, dass der Mann nicht nur für Rockstar-Exzesse taugt, sondern auch gute Musik macht. Dabei hatte der Brite mit den Indierock-Heroen The Libertines lange vor den skandal­trächtigen Schlagzeilen tolle, klapprig-rumpelnde und mitreißende Songs produziert. Mit den 1997 gegründeten Libertines, die sich nach sieben Jahren wieder auflösen sollten, gelang vergangenes Jahr das unerwartete Comeback. Die traurige Seifenoper um eine angesagte Band, Männerfreundschaft und Drogensucht wurde zu einem vorläufigen Happy End gebracht – Kritikerlob für das Album „Anthems for Doomed Youth“ inklusive. Nun legt Doherty, dieser unwahrscheinliche Überlebende des Rock, ein Solo-Album vor: „Hamburg Demonstrations“ ist in der titelgebenden norddeutschen Hafenstadt entstanden. Der 37-Jährige, der für seinen unsteten Lebenswandel bekannt ist, hat eine gewisse Affinität zu Deutschland. Als Sohn eines britischen Majors verbrachte er den größten Teil seines Lebens in Krefeld, für einen die Dichtkunst liebenden Jüngling passenderweise in der Gutenbergstrasse.

Der Poesie galt dennoch nicht Dohertys vorrangiges Interesse, als er sich 2014 in Hamburg „niederließ“. Es war vielmehr eine Suchthilfeeinrichtung am Hauptbahnhof, die ihn zum Schwärmen brachte. Ein Glücksfall für den Briten waren nicht nur die sauberen Spritzen dort. Produzent Johann Scheerer, mit dessen Hilfe das neue Album eingespielt wurde, bewies zudem Langmut und fürsorgliche Weitsicht. Ihm ist es zu verdanken, dass der Musiker einen Entzug machte, bevor er mit den Libertines auf Tour ging. Vielleicht beziehen sich Dohertys Textzeilen „Only luck can heal the sickness of celebrity“ (aus seinem neuem Song „Birdcage“) auf die glücklichen Umstände, die ihn einmal mehr als unkaputtbar erscheinen lassen. Die kratzbürstig-fragile Qualität seines Songwritings leidet indes ein wenig an der weiblichen Stimme, die sich unvermittelt zum Duett einfindet.

Enden wie der mutmaßlich ermordete „Kolly Kibber“ aus Graham Greenes „Brighton Rock“ wolle er jedenfalls nicht, erklärt der Musiker im Album­opener. Darin singt er nun erstmals auch auf Deutsch: „Oh Liebling, Liebling die Form zerbrach noch in der ersten Nacht, die Nacht des ersten Lichts“, heißt es da.

Weniger kryptisch der Song „Hell to Pay at the Gates of Heaven“, in dem Doherty Bezug auf die Anschläge in Paris nimmt. Als Alternative zur Kalaschnikow AK-47 empfiehlt er die legendäre Gibson-Gitarre J-45. Auch als Musiker könne man berühmt werden, erinnert Doherty die jungen Menschen, die im Terror wohl die einzig mögliche Form von Rebellion erkennen. Eine gewisse Todessehnsucht scheint jedenfalls beiden Lebensentwürfen gemein: Mit „Flags from the Old Regime“ dem wohl schönsten Doherty-Stück seit vielen Jahren erinnert er zärtlich an seine 2011 verstorbene Kollegin und Freundin Amy Winehouse. Das reduzierte Album ist insgesamt ein hübsches Lebenszeichen.

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