Gepflegtes Musiktheater wie vor 50 Jahren

Scharf gezeichnete Figuren im weichgespülten Licht: Die Wiener Staatsoper brachte unter Zubin Mehta Verdis „Falstaff“ neu heraus.

Wellness mit Verdi: Falstaff (Ambrogio Maestri) erholt sich von seinem Sturz in die Themse.
© Wiener Staatsoper / Michael Pöh

Von Stefan Musil

Wien –Am Ende darf der dicke Sir John noch einmal in den Waschkorb, aus dem er von den lustigen Weibern in die Themse geworfen wurde. Aus dem Himmel schwebt der herab, vor den Riesenmond, der aus der Märchenkulisse dieser Neuproduktion der Wiener Staatsoper glotzt. Man erinnert sich an den Mond aus der letzten „Tristan und Isolde“-Premiere. Auch damals hat – allerdings mit anderen Ausstattern – David McVicar inszeniert. Genauso inspirationsgebremst, genauso unkompliziert repertoiretauglich und eher langweilig wie auch Verdis letzte Oper nun unter seiner Hand ausgefallen ist. Ambrogio Maestri, der sich als Falstaff hier also zweimal in den Korb mühen muss, hatte bereits im Vorfeld verraten, dass es nicht allzu heiter wird, sondern besonders auf die lyrischen Aspekte dieser „Commedia lirica“ in drei Akten Rücksicht genommen würde. Nun, lyrisch ist ein dehnbarer Begriff. Und dass dieser neue „Falstaff“ tatsächlich arg spaßbefreit ausfällt, hätte nicht sein müssen.

Man sieht meist hübsch arrangierte Bilder. So als hätte es die letzten 50 Jahre Musiktheater nicht gegeben. „Tutto nel mondo è burla“, „alles ist Spaß auf Erden“, singen alle in der berühmten Fuge am Ende. Aber lustig ist da nichts mehr, so schlampig, irgendwie unfertig fällt das letzte Bild im Park von Windsor aus. Da sind die Hauptfiguren kaum noch geführt, stehen eher betreten herum. Dafür tanzen ständig Kinderchen als Elfen verkleidet durch die Gegend. Bis die Titelfigur mit dem Maschinentheater-Trick des davonschwebenden Korbs ihre Apotheose als der immer gültige Lebemensch erfährt. Dieses Theater auf dem Theater ist mit seitlichen Gerüsten und Treppen den ganzen Abend Teil der Inszenierung, ohne einen größeren Sinn zu ergeben. Zumindest praktisch sind diese flankierenden Türme, um eine Galerie und damit eine zweite Ebene einzuziehen. Dann, wenn die Damen gegen die Herren von Windsor, von Verdi ungemein raffiniert verzahnt komponiert, von McVicar simpel gruppiert, gegeneinander antreten. Oder ist es eine Erinnerung an das Theater der Shakespearezeit, in der McVicar und sein Bühnenbildner Charles Edwards die Sache angesiedelt haben?

Insgesamt streut McVicar über dieses prachtvolle, quicklebendige Stück Musiktheater, das eigentlich als präzise schnurrendes Komödien-Räderwerk mit scharf gezeichneten Figuren funktionieren sollte, viel weichgespültes Licht. In diesem, das hübsch zu schauen ist, wenn es ins Haus von Ford – stilistisch allerdings unpassend – wie in die Staffage eines Vermeer-Gemäldes scheint, verschwimmen die Figuren allzu sehr. Selbst Ambrogio Maestri, der große Falstaff unserer Tage, scheint sich plagen zu müssen, um seiner Rolle die rechte Statur zu geben. Auch ein Prachtbariton wie Ludovic Tézier bleibt unter solchen Umständen, noch dazu unmöglich ausstaffiert (Kostüme: Gabrielle Dalton), als wäre er ein zweiter Falstaff, merkbar unter seinen sonstigen Möglichkeiten. Als Figur hätte auch die stimmlich dralle Mrs. Quickly von Marie-Nicole Lemieux noch einiges an Luft nach oben. Die übrige Besetzung ist brav, aber einer Staatsopern-Premiere nicht ganz angemessen: Carmen Giannattasio ist eine solide Alice Ford, Hila Fahima gibt der Nannetta brav-zarten Klang, Paolo Fanale liefert als Fenton sein Sonett artig ab, der Rest der Besetzung ist ordentlich rollendeckend.

Als Dirigent gab sich nach längerer Pause der 80-jährige und lautstark begrüßte Zubin Mehta die Ehre. Er ist natürlich immer noch ein Verdi-Souverän, hält das Ruder bei den sorgfältig aufspielenden Musikern meist sicher in der Hand. Wobei man den Ensembles und der Schlussfuge noch ein paar Proben mehr gewünscht hätte. Auch in Sachen Brio und Temperament passt er sich willig der Regie an. Ein Abend, der weder stört noch die Musiktheaterherzen in Wallung bringt und vom Publikum freundlich quittiert wurde.

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