Welt-Lungenkrebs-Konferenz - „Schachspiel“ mit Tumorresistenz

Wien (APA) - Bei bestimmten Formen von Lungenkrebs geraten die Onkologen zunehmend in eine Situation, in der sie Therapien speziell auf die ...

Wien (APA) - Bei bestimmten Formen von Lungenkrebs geraten die Onkologen zunehmend in eine Situation, in der sie Therapien speziell auf die Genmutationen der Tumoren abstimmen können. Selbst wenn ein Karzinom gegen die medikamentöse Behandlung resistent wird, lässt sich eine Art „Schachspiel“ zu ihrer Überwindung durchführen, hieß es am Sonntag bei der Welt-Lungenkrebs-Konferenz (bis 7. Dezember) in Wien.

Ein Beispiel dafür sind Lungenkarzinome, die auf Mutationen im sogenannten ALK-Gen zurückzuführen sind. „Dieses Gen wurde erst im Jahr 2007 entdeckt. Es lässt sich bei vier Prozent der Adenokarzinome der Lunge und bei zwei Prozent der nicht-kleinzelligen Lungenkarzinome insgesamt feststellen. Die Erkrankten sind eher jünger mit einem Durchschnittsalter von um die 50 Jahren. Zumeist sind es Menschen, die nie oder nur wenig geraucht haben“, sagte US-Onkologe Ross Camidge (Universität von Colorado).

Für diese Lungenkrebspatienten bieten sogenannte ALK-Inhibitoren eine gute Therapiemöglichkeit abseits einer Chemotherapie. Auf das etwaige Vorliegen einer ALK-Mutation wird durch molekularbiologische Untersuchungen der Pathologen im Rahmen der Diagnose untersucht. In solchen Fällen konnte mit dem ersten derartigen Wirkstoff (Crizotinib) eine Ansprechrate von 74 Prozent erreicht werden. Die Krankheit blieb im Durchschnitt 10,9 Monate lang ohne Fortschreiten, nach zwölf Monaten lebten noch 84 Prozent der Patienten. Im Vergleich zu einer Chemotherapie erhöhte sich die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung von um die sieben auf fast elf Monate.

Nach zehn bis zwölf Monaten - darüber waren sich die Onkologen am Sonntag beide Kongress per Online-Abstimmung während des Vortrags - ziemlich einig stellen sich aber Resistenzen gegen den ersten ALK-Inhibitor ein. Das bedeutet, dass im Zuge eines Darwinschen Selektionsprozesses jene bösartigen Zellen überhandnehmen, welche Genmutationen besitzen, bei denen das Medikament nicht wirkt. Außerdem überwindet das Arzneimittel nicht die Blut-Hirn-Schranke und hat somit keinen Effekt auf die häufig bei diesen Patienten auftretenden Hirnmetastasen.

Mit Ceritinib und Alectinib gibt es mittlerweile zwei ähnliche Substanzen, welche auch dann noch eingesetzt werden können, wenn die Erstbehandlung mit Crizotinib vom Anfang an oder durch die Ausbildung von Resistenzen nicht mehr wirkt. So zum Beispiel konnte in einer Studie durch den Wechsel des Medikaments auf Ceritinib die Krankheit doch noch weitere knapp sechs Monate lang am Fortschreiten gehindert werden, die Patienten zeigten im Durchschnitt eine Lebenserwartung von weiteren knapp 15 Monaten. Mit Alectinib wurde eine Hemmung des Fortschreitens der Erkrankung um zusätzliche acht bis neun Monate beobachtet. Etwa die Hälfte der Patienten sprach trotz des Versagens der ersten Behandlungsform noch an. Zusätzlich zeigte sich auch häufig ein Schrumpfen von vorhandenen Hirnmetastasen.

„Es ergibt sich die Frage, ob man für die Patienten gleich von Anfang an diese Mittel der zweiten Generation wählen oder eines nach dem anderen anwenden sollte“, meinte dazu Christoph Zielinski, Koordinator des Comprehensive Cancer Center von MedUni Wien und AKH, in seinem Vortrag.

Den Ausschlag für die jeweils gewählte Strategie können auch je nach Substanz unterschiedlich häufig auftretenden Nebenwirkungen sein, die im Allgemeinen bei solchen Arzneimitteln aber geringer als bei herkömmlicher Chemotherapie sind. Außerdem wurde bereits analysiert, welche Genmutationen von Krebszellen im Einzelnen für das Entstehen von Resistenzen verantwortlich sind. Das bietet zusätzlich Informationen, welches der einzelnen Medikamente beim individuellen Patienten den größten Effekt haben könnte.

Mit den Wirkstoffen Brigantinib, Ensartinib und Lorlatinib stehen derzeit weitere ALK-Inhibitoren in Entwicklung. Aufgrund seiner Eigenschaften könnte beispielsweise Lorlatinib noch immer wirksam sein, auch wenn Tumorzellen gegen alle anderen der Wirkstoffe unempfindlich geworden sind. Die Ansprechraten liegen bei um die 50 Prozent. Im Durchschnitt kann die Krankheit deutlich länger als ein Jahr erneut in Schach gehalten werden.


Kommentieren