Ein NS-Verbrechen im MTV-Gewand
Vergangenes ins Heute geholt: Am Wiener Volkstheater zeigt Regisseur Miloš Lolic Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“.
Von Bernadette Lietzow
Wien –Dem österreichischen Kellerverließ im Orkus der Volkstheater-Bühne entsteigen, den sieben Raben gleich, sieben „Single Ladies“. Angetan mit knappen schwarzen Glamour-Bodys über ausladenden Schenkeln und schwarz-toupiertem Langhaar performt die Beyoncé-Lookalike-Truppe deren Dance-Hit. Im Lauf des pausenlosen Abends werden diese Boten von Jelineks Gnaden allerhand Glitzerkleider und Streetwear, Federboas und Anzüge aus ihren Großraum-Plastiktaschen hervorkramen, immer weitere Musikvideos nachstellen, von Grace Jones, Janet Jackson oder Aretha Franklin, und dabei Unsägliches sagen, das Vergangene ins Heute holen.
Es ist das bis heute nicht restlos aufgeklärte Massaker von Rechnitz, dem Elfriede Jelinek ihren 2008 uraufgeführten Theatertext „Rechnitz (Der Würgeengel)“ zugrunde legt, über den Untertitel assoziativ verknüpft mit Luis Buñuels 1962 entstandenem Film. Ende März 1945 wurden über 180 jüdische Zwangsarbeiter im Rahmen eines ausgelassenen Festes, das Gräfin Margit Batthyány, geborene Thyssen, für die Nazi-Prominenz in ihrem burgenländischen Schloss gab, auf grauenvolle Weise ermordet. Die Täter entzogen sich durch Flucht, niemand wurde je zur Rechenschaft gezogen, die Gräber sind bis heute nicht gefunden und jene Zeugen, die das Gebot des Schweigens brechen wollten, eingeschüchtert, zwei davon sogar ermordet.
Die Schuld oder das Berichten davon verteilt Jelinek auf einen dem antiken Drama entliehenen Chor von Boten, die, so die Autorin, als „Filter“ das „Denkunmögliche“ erfassbar machen. Diese Boten (Katharina Klar, Birgit Stöger, Steffi Krautz, Claudia Sabitzer, Sebastian Klein, Kaspar Locher, Thomas Frank) werden, zum Teil mit Handkamera, begleitet von einer Art stummen Engel in Gestalt von Jasmin Avissar, die auch für die Choreographie der Tanzszenen verantwortlich zeichnet. Der mit zwei Inszenierungen in der Ära Schottenberg schon am Volkstheater erfolgreiche serbische Regisseur Miloš Lolic spielt ausdrücklich mit der schrillen Ablenkung der Musikvideos, gegen die sich die Überbringer der Botschaft immer wieder behaupten müssen, gegen die sie ihre Befunde zum perversen Mordgeschehen, zum heuchlerischen Umgang und zu den Kontinuitäten zu verteidigen haben.
Trotzdem bleibt Lolics Jelinek-Interpretation fragmentarisch, findet der gewaltige Text in seinen bewussten Untiefen, den assoziativen Bildern und grellen Anklagen nicht mit der aufgeregten Aktion zusammen. Auch bleibt ein Rätsel, was die Wahl ausschließlich schwarzer Sängerinnen erzählen will oder die Bühne (Paul Lerchbaumer), die einzig aus mittig aufgeschichteter, barockisierender Holztäfelung besteht. Der verhaltene Applaus nach der Premiere am Sonntag spiegelte den Eindruck der Verwirrung, den dieser Theaterabend hinterlässt.
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