“Die Geträumten“

Zerstörte Städte und Gefühle

© Stadtkino

Ruth Beckermanns „Die Geträumten“ über die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan wurde bei der Diagonale als bester Spielfilm ausgezeichnet.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Als der Dichter Paul Celan als Überlebender des Holocaust 1947 nach einem mehrwöchigen Fußmarsch in Wien eintraf, sah er eine in Besatzungszonen aufgeteilte Stadt, wie wir sie aus dem Film „Der dritte Mann“ kennen. Die „Todesfuge“, sein 1945 geschriebenes Gedicht über die Shoah, war in diesem Jahr erstmals erschienen, und 1948 traf er die Philosophiestudentin Ingeborg Bachmann, die ihm verschwieg, dass einige ihrer Familienmitglieder Parteimitglieder und damit Nazis gewesen waren.

Damit begann eine der großen Liebesgeschichten der Weltliteratur, die in dem unter dem Titel „Herzzeit“ veröffentlichten Briefwechsel zwischen Bachmann und Celan nachzulesen ist. Im gleichnamigen Hörbuch übernahmen Johanna Wokalek und Jens Harzer die Rollen der Liebenden, wobei Harzer bei Paul Celans Briefen eine hypnotische Wirkung erzeugte. Da würde natürlich ein biografischer Spielfilm über die Beziehung der beiden Autoren im Kinotrend liegen – etwa ein Dutzend Biopics über Maler, Schriftsteller, Taucher und Tänzerinnen werden im aktuellen Kinoprogramm angeboten –, nur Ruth Beckermann, Österreichs große Dokumentarfilmerin („Die papierene Brücke“, 1987), geht in „Die Geträumten“ einen ganz anderen Weg. Ihre einzige Fiktion ist die Produktion eines Hörbuchs in den Studios des Wiener Funkhauses, das sich nach dem Krieg in das Stadtbild aus Ruinen einfügte und das es in dieser Form bald nicht mehr geben wird.

Zwei Darsteller postieren sich vor Mikrofonen, die Sängerin Anja Plaschg hat sich dafür eine etwas zerfranste Ponyfrisur schneiden und an den Schläfen rasieren lassen, der Burgschauspieler Laurence Rupp sieht nicht viel anders aus als in „Die Nacht der 1000 Stunden“. Eineinhalb Stunden lang sind dann diese beiden Textdarsteller bei ihrer Arbeit zu beobachten. Zwischen den hochkonzentrierten Tonaufnahmen erkunden sie Kantine und Fluchtwege des Funkhauses, besuchen eine Orchesterprobe, drehen sich auf einer Eisentreppe Zigaretten, entspannen sich bei James Browns „It’s A Man’s Man’s Man’s World“. Ein ganz normaler Studioalltag also, montiert zum Making-of einer Hörspiel- oder Hörbuchproduktion.

Diese formal reduzierte Auflösung der komplizierten Liebesgeschichte jenseits einer konventionellen Filmerzählung erspart Ruth Beckermann und ihrer Koautorin Ina Hartwig auch die Ablenkung durch die Bachmann-Persönlichkeiten, wie sie in anderen Briefwechseln sichtbar werden. Wenn sie an Celan schreibt, „Weißt Du eigentlich noch, dass wir, trotz allem, sehr glücklich miteinander waren, selbst in den schlimmsten Stunden, wenn wir unsre schlimmsten Feinde waren?“, schreibt sie Hans Weigel, einem anderen Liebhaber und Förderer in dieser Zeit: „Von meinem Jeweiligen bin ich fort, das ist eine böse Geschichte, die ich Dir vielleicht einmal erzählen werde, aber im Augenblick bin ich noch zu kaputt, um mich – oder mein Herz – auszuschütten.“ Nachzulesen in Joseph McVeighs „Ingeborg Bachmanns Wien“. Gegenüber dem Komponisten Hans Werner Henze, für dessen Opern sie in dieser Zeit einige Libretti schrieb, erwähnte sie in etwa 100 Briefen Celan nicht ein einziges Mal. Nach der verdorrten Liebe scheitert die Briefbeziehung an der „Todesfuge“. Nach Anfeindungen aus Deutschland sind weder die inzwischen berühmt gewordene Bachmann noch ihr damaliger Lebensgefährte Max Frisch bereit, Stimme und Schrift für Celan einzusetzen.