„Supersonic“

Oasis-Doku: Mit Bibel und Prügel am Mythos gebastelt

© Jill Furmanovsksy

Sie lieferten ebenso verlässlich Hits wie Skandale: Liam und Noel Gallagher wurden mit „Oasis“ zu den größten Pop-Heroen der 90er.

Von Silvana Resch

Innsbruck –Nein, erschlagen haben sie sich nicht, wie der Vergleich mit Kain und Abel vielleicht nahelegen würde, der gleich zu Beginn des Dokumentarfilms „Supersonic“ angestrengt wird – aber sie haben sich bekanntermaßen geprügelt, einander Kricketschläger über den Kopf gezogen und, was offensichtlich noch schwerer wiegte: Liam hatte 1994 – high auf Crystal Meth – sein Tamburin nach seinem älterem Bruder Noel Gallagher geworfen. Ein scheinbar kleiner, unbedeutender Tiefpunkt eines insgesamt grauenhaften Oasis-Auftritts im Whisky A Go Go in Los Angeles. Die Britpop-Band wollte nach einer furiosen Japan-Tour die Vereinigten Staaten erobern. Doch da standen sie, komplett zugedröhnt von einer noch unbekannten Droge, die sie mit Kokain verwechselt hatten. Und jedes Bandmitglied spielte einen anderen Song – der Roadie hatte die Setlists vertauscht. Für Noel, den Songschreiber und Kopf der Band, war dies zu viel an Schmach, er tauchte bei einer Frau unter, an deren Namen er sich heute nicht mehr erinnern kann. Als er wenig später doch zu Oasis zurückkehrte, gab es für ihn keine Band mehr, „es war mehr sie und ich“, sagt er in der Doku. Der Bruderzwist wurde von den britischen Boulevardmedien als Seifenoper-Rock’n’Roll-Update zum alttestamentarischen Kain- und Abel-Stoff zelebriert. Ein Mythos, der auch zentral für die unterhaltsam-charmante Doku von Regisseur Mat Whitecross ist, die gerne biblische Bilder bemüht.

Oasis mögen von ganz unten gekommen sein – das heißt, aus einem der ärmsten Viertel in Manchester –, in „Supersonic“ schweben sie von oben herab, ein Hubschrauberflug über die ekstatischen Massen hinweg, die sich vor 20 Jahren zum größten Konzert in der Geschichte des Britpop versammelt hatten. Die zwei legendären Shows vor jeweils 125.000 Menschen im englischen Knebworth bilden die filmische Klammer des Dokumentarfilms. Erzählt wird vom rasanten Aufstieg und dem Höhepunkt der Britpop-Heroen, von der Arbeit am Debüt „Definitely Maybe“ und dem weltweiten Erfolgsalbum „(What’s the Story) Morning Glory?“, dazwischen viel Drogen, Skandale, Drama. Mitte der 90er-Jahre galten Oasis den Briten als größte Band der Welt, wurden als die neuen Beatles gefeiert. Ausgespart im Film – der mit viel altem Camcorder-Material und schlauen Animationen besticht – werden die langen, künstlerisch weniger ergiebigen Jahre danach. Oasis trennten sich 2009, nicht schon vor 20 Jahren, wie man nach „Supersonic“ vielleicht denken könnte. Dankenswerterweise fehlt hier auch der medial hochgekochte Schlagabtausch mit Blur: Die prolligen Gallaghers wurden im so genannten „Battle of Britpop“ gegen die Kunststudenten aus London in Position gebracht. Ein Kampf, der auch das britische Klassensystem illustriert. Den „Hooligans“ aus dem Norden, insbesondere Liam, wollte man in den 1990er-Jahren lieber nicht in einem Pub begegnen. Größenwahn und Exzess gingen beim charismatischen Oasis-Frontmann gerne mit Gewaltausbrüchen Hand in Hand. Dass Liams Liebe zur Musik angeblich erst erwachte, nachdem ihm als Schüler mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen wurde, passt gut zur Geschichte seines Bruders Noel, der von seinem Vater regelmäßig „halb totgeschlagen“ wurde, wie Mutter Peggy berichtet. „Er hat mir das Talent eingeprügelt“, sagt der Songschreiber, der an großspurigem Witz mit seinem Bruder mithalten kann. In Kooperation mit Cool Britannia IBK und dem Downtown Sound Recordstore zeigt das Leokino „Supersonic“ morgen Freitag um 22.25 Uhr und am Sonntag um 11.20 Uhr in Originalversion mit Untertiteln.