Drama in Aleppo weckt Erinnerungen an Sarajevo und Grosny
Die Meldungen und Hilferufe, die uns aus Aleppo erreichen, erinnern an die langen, rücksichtslosen Belagerungen in Sarajevo und Grosny. Den Preis zahlt auch in der syrischen Metropole die Zivilbevölkerung.
Von Ulrich von Schwerin, AFP
Aleppo – Der Fall von Aleppo an die syrischen Regierungskräfte weckt Erinnerungen an die Belagerung von Sarajevo durch die bosnischen Serben und die Eroberung der tschetschenischen Hauptstadt Grosny durch die russische Armee. Wie Aleppo waren beide Städte einer langen rücksichtslosen Belagerung ausgesetzt, bei der die internationale Gemeinschaft ohnmächtig zuschaute, während tausende Zivilisten abgeschnitten von humanitärer Hilfe in den Ruinen ihrer Häuser unter dem Bombenhagel starben.
Die Belagerung in Sarajevo
Die Belagerung der bosnischen Hauptstadt von April 1992 bis November 1995 durch die bosnischen Serben unter Führung von Radovan Karadzic gehört zu den dramatischsten Ereignissen des Bosnien-Krieges. Unter dem Dauerbeschuss von Heckenschützen und der serbischen Artillerie auf den umliegenden Hügeln wurden in der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt mehr als 10.000 Menschen getötet, darunter 1600 Kinder.
Die Bilder der hungernden Einwohner einer europäischen Großstadt schockierten die westliche Öffentlichkeit, doch gelang es dem Westen über Jahre nicht, den bosnischen Bürgerkrieg zu beenden. Die in Sarajevo stationierten UN-Blauhelme mussten ohnmächtig zuschauen, wie die serbischen Milizen wahllos in die Stadt feuerten - wie im Februar 1994, als beim Einschlag einer Granate auf einem Markt 68 Menschen getötet wurden.
Die 44-monatigen Belagerung endete erst, als die bosnischen Serben aus dem Umland der Stadt vertrieben wurden. Im vergangenen März wurde der bosnische Serbenführer Karadzic unter anderem wegen der Belagerung Sarajevos in Den Haag zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt. Auch der bosnisch-serbische Armeechef Ratko Mladic muss sich derzeit vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien wegen der Belagerung verantworten.
Der Fall von Grosny
Während die Belagerung Sarajevos mit der Vertreibung der bosnischen Serben endete, fiel das völlig zerstörte Grosny im Februar 2000 nach dreimonatiger Belagerung an die russische Armee. Die internationale Gemeinschaft sei ihrer Verantwortung „angesichts des Massakers in Tschetschenien“ nicht gerecht geworden, urteilte damals die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch. Als die Schlacht endete, glich Grosny einem Trümmerfeld.
Die Stadt war bereits während des ersten Tschetschenien-Kriegs 1994/95 Schauplatz einer blutigen Schlacht zwischen tschetschenischen Separatisten und der russischen Armee gewesen. Dieses Mal war die Armee aber weit besser ausgerüstet und den Guerillakämpfern deutlich überlegen. Wie in Sarajevo zahlte die Zivilbevölkerung, die monatelang ohne Nahrung, Trinkwasser und Heizung in den Ruinen ausharren musste, den Preis der brutalen Belagerung.
Im Dezember 1999 stellte die Armee den verbliebenen Einwohnern ein Ultimatum, die Stadt binnen zwei Tagen zu verlassen, sonst würden sie als „Terroristen und Banditen“ behandelt. Die erfolgreiche Niederschlagung des tschetschenischen Aufstands durch den damaligen Ministerpräsidenten Wladimir Putin war ein wichtiger Faktor für seinen Aufstieg: Putin wurde im März 2000 kurz nach dem Fall von Grosny zum russischen Präsidenten gewählt.
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