Osttirol

Spannender „Stoff“ für neue Erkenntnisse

Ein besticktes Muschelseidefragment: Charakteristisch ist der metallisch-goldene Glanz des Garns.
© Ilsinger

Buchstäblich unter die Lupe genommen hat man die in der „Schatzkiste“ von Schloss Lengberg entdeckte Seide aus dem Mittelalter. Ein Erkennungsschlüssel für optische Untersuchungen dieses Materials wurde entwickelt.

Von Claudia Funder

Nikolsdorf – Im Zuge von Umbaumaßnahmen in Schloss Lengberg/Nikolsdorf ab Sommer 2008 wurde im Südflügel eine Gewölbezwickelfüllung lokalisiert, die historisch spannendes Material barg. Auch knapp 3000 Textilstücke kamen zum Vorschein, darunter wahre Sensationen wie etwa der älteste Büstenhalter der Welt – die TT berichtete.

Das Gros dieser Funde besteht aus Fragmenten, zumeist aus Leinen. Sie wurden zur wissenschaftlichen Erforschung nach Innsbruck gebracht. Die Textilarchäologie hat sich in den vergangenen Jahren als eigenständiges Forschungsgebiet etabliert.

Bert Ilsinger untersuchte ausgewählte Stücke der Lengbergseide archäometrisch.
© Ilsinger

Ein besonderes Augenmerk gilt den erhaltenen Seidetextilien von Schloss Lengberg, etwa dem Fragment eines vermutlich ehemaligen Polsterbezuges mit broschiertem Muster. Ein kleiner Seidenrest mit zusätzlichem Goldlahnfaden und eine blattförmige Applikation aus Silberlahnfaden lenken den Blick auf den Reichtum der ehemaligen Besitzer von Schloss Lengberg.

Die kleinen, feinen Gewebeteile weckten das Interesse des Archäologen Bert Ilsinger, der in Osttirol hauptsächlich Felsbilder untersucht und am Institut für Archäologien in Innsbruck die Arbeitsgemeinschaft „Felsbilder in Tirol“ betreut. Er ging einer spannenden Frage auf den Grund. „In einer Beschreibung aus dem 15. Jahrhundert über die Speise- und Lebensgewohnheiten der adeligen und klerikalen Gesellschaften auf Schloss Lengberg wird ein edler Ritter auf einem Pferd sitzend mit prächtiger Kleidung beschrieben, die in der Sonne golden erstrahlte“, erzählt Ilsinger.

Dieses „goldene Erstrahlen“ erinnerte den Archäologen an so genannte „Muschelseide“, mit der er sich bereits jahrelang intensiv befasst hatte.

„Diese Seide wurde speziell im Mittelmeerraum, hauptsächlich in Sardinien und Kalabrien, noch bis Mitte des vorigen Jahrhunderts zu wertvollen Textilien verarbeitet“, weiß Bert Ilsinger. „Muschelseide wurde aus dem Muschelbart der Steckmuschel, Pinna nobilis, gewonnen, und, nach einer äußerst komplexen Weiterverarbeitung, gewebt oder gestickt. Da die Gewinnung des organischen Materials sehr schwierig war – heute unmöglich –, konnten nur hohe Würdenträger diese zur Repräsentanz nutzen.“ So seien heute auch nur etwa 38 Textilien aus Muschelseide bekannt, berichtet Ilsinger.

Ein gelb-blaues Seidenstoffrelikt im Stereomikroskop: Die Textilarchäologie hat sich in den vergangenen Jahren als eigenständiges Forschungsgebiet etabliert.
© Ilsinger

Handelt es sich auch bei den Textilresten von Schloss Lengberg um Muschelseide? Auf der Suche nach der Lösung dieses Rätsels untersuchte Bert Ilsinger mit Licht- und Rasterelektronenmikroskopen neun ausgewählte Textilfragmente aus den Gewölbezwickeln des Schlosses. Diese Bodenfüllungen hatten sich – wie berichtet – als wahre „Schatzkisten“ erwiesen, da Spielkarten und Würfel, Münzen und Musikinstrumente, Lederschuhe und die besagten zahlreichen Textilfragmente aus dem 15. Jahrhundert geborgen wurden.

„Die rasterelektronischen, archäometrischen Untersuchungen konnten zwar keine Muschelseide, jedoch zwei andere Seidearten direkt nachweisen: die Tussah- und die Maulbeerseide“, verrät Bert Ilsinger die Erkenntnisse seiner Forschungsarbeit.

Und noch etwas gelang: „Aus den Ergebnissen von Schloss Lengberg wurde ein Erkennungsschlüssel für optische Untersuchungen von Seide generell entwickelt.“

Tussah- und Maulbeerseiden seien, so der Archäologe, als kostbare Textilien ab dem 12. Jahrhundert in den italienischen Seidezentren Palermo, Messina und später etwa in Lucca produziert und über Venetien auch in den Norden geliefert worden. „Die norditalienischen Seiden zeichneten sich durch besondere Färbigkeit und Detailreichtum aus. Erst im 16. Jahrhundert verlagerte sich die Seideproduktion nach Frankreich, in die Schweiz und nach Deutschland.“

Wer mehr über das Thema wissen möchte: Das neue Buch „Muschelseide in der Gewölbezwickelfüllung von Schloss Lengberg? Archäometrische Untersuchungen“ gibt detaillierte Einblicke. Dieses Werk wurde vom Institut für Archäologien der Universität Innsbruck von Harald Stadler herausgegeben und kann unter ur-fruehgeschichte@uibk.ac.at angefordert werden.

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Catharina Oblasser

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