Mit den Lehren des Konfuzius ins moderne chinesische Leben

Wuhan (APA/AFP) - Während der Kulturrevolution wurde Konfuzius in der Volksrepublik China geschmäht - heute sind in mehreren hundert Schulen...

Wuhan (APA/AFP) - Während der Kulturrevolution wurde Konfuzius in der Volksrepublik China geschmäht - heute sind in mehreren hundert Schulen Kinder anzutreffen, die vor Standbildern des alten Lehrmeisters den Kopf verneigen. „Wir verehren dich, Meister Konfuzius! Danke für deine Lehren und dein Mitgefühl!“, singen 30 Kinder in einer konfuzianischen Schule in der zentralchinesischen Stadt Wuhan.

Sie sind erst zwei bis sechs Jahre alt. Ihre Eltern versprechen sich vom Unterricht in der Privatschule, dass die Kleinen traditionelle Werte wie Respekt und Achtung vor der Familie vermittelt bekommen.

Als die Kommunistische Partei 1949 ans Ruder kam, wurde die patriarchalische Gedankenwelt des antiken Philosophen geschmäht, die vom dritten Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreichs 1912 die Staatsdoktrin war. Doch in den vergangenen Jahren hat sich das Blatt gewendet. Präsident Xi Jinping lässt Aussprüche des Konfuzius in seine Reden einfließen, der Konfuzianismus ist in die Propaganda der Regierung in Peking eingegangen.

Der fünfjährige Zhu Baichang sagt, dass er nicht alles versteht, was er auswendig gelernt hat und wie auf Knopfdruck zitieren kann. „Es ist sehr interessant“, sagt er dennoch über die Maximen des Konfuzius. Die Schule hier in Wuhan wurde 2015 eröffnet und zählt derzeit 160 Schüler. Die Eltern zahlen im Halbjahr umgerechnet rund tausend Euro, um den Kindern die konfuzianische Bildung angedeihen zu lassen. Baichangs Vater sagt, seinem Sohn sollten die Prinzipien, die China 2000 Jahre geprägt hätten, „in Fleisch und Blut übergehen“.

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„Die Fähigkeiten zum Auswendiglernen sind zwischen zwei und sechs ausgezeichnet“, schwärmt die Rektorin der Schule, Shi. „Dann säen wir die Samen des Mitgefühls und des Respekts vor Eltern und Lehrern.“ Wenn die Kinder sechs seien, habe die Schule schon ihre Hauptaufgabe erfüllt, die „klassischen Lehren“ des Konfuzius zu vermitteln. Es handelt sich um mehrere hunderttausend chinesische Schriftzeichen. Nebenbei lernen die Buben chinesisches Schach, die Mädchen die Welt der Tee-Zeremonien.

Auch der eigene Geburtstag wird zum Lehrstoff. „Denke daran, dass deine Mutter an diesem Tag schwer gelitten hat, indem sie dich zur Welt brachte“, sagt die Lehrerin einem verschüchterten Buben, der vor seiner Großmutter kniet. „Es war sehr schmerzhaft.“ Diese Schule ist nach Dizigui, einem Lehrbuch aus dem 17. Jahrhundert benannt. Das vom Konfuzianismus geprägte Werk lehrt blinden Gehorsam gegenüber den Eltern und den Älteren.

Gemessen am chinesischen Bildungssystem insgesamt sind die konfuzianischen Schulen bisher ein Randphänomen. Die Konfuzius-Stiftung zählt landesweit 300 solcher Schulen - gemessen an 223.700 öffentlichen Kindergärten. Aber die Konfuzius-Stiftung will 700 weitere Schulen eröffnen. Und die Organisation Tongxueguan, die ebenfalls von den Lehren des Konfuzius inspiriert ist, unterhält inzwischen mehr als 120 Wochenend-Schulen mit rund 40.000 Schülern.

„Nach dem wirtschaftlichen Wohlstand besinnen sich die Chinesen auf ihre Wurzeln“, sagte Tongxueguan-Gründer Li Guangbin. „Sie brauchen spirituelle Erhebung.“ Auswendiglernen und moralische Unterweisung fördere womöglich nicht die Kreativität von Kindern. Wichtiger seien aber das Verständnis von „Rechtschaffenheit“ und „sozialem Zusammenhalt“. Mei Yuan, die ihre Tochter auf eine Tongxueguan-Schule schickt, beklagt, Kinder seien in der heutigen chinesischen Gesellschaft zu „selbstbezogen“ und „oberflächlich“.

Viele Chinesen hätten das Gefühl, dass aktuelle Probleme wie Korruption und Umweltverschmutzung auch durch einen „Mangel an moralischer Führung“ verursacht seien, meint Michael Schuman, der über die Konfuzius-Renaissance ein Buch verfasst hat. Das passe gut mit den Vorbehalten der chinesischen Regierung gegen westliche Einflüsse - „besonders Demokratie und Menschenrechte „ - zusammen. In dieser Sichtweise sei „traditionelle chinesische Kultur ein Bollwerk gegen ausländische Ideen“.


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