Paarhufer, resistent gegen Dressur

Das deutsche Rap-Trio „Antilopen Gang“ verbindet Hip-Hop mit Punk – und übt Gesellschaftskritik mit nicht immer feiner Ironie.

© robert_eikelpoth

Innsbruck –Wenn selbst Nazis Weltverbesserungsrock hören, ist es mit der Protestfunktion von Pop wohl nicht allzu weit her. Das hat die ­Antilopen Gang 2014 mit ihrer Single „Beate Zschäpe hört U2“ schön auf den Punkt gebracht. Eine Liedzeile, die nicht einfach nur gut erfunden ist, sondern tatsächlich stimmt. Die Polizei fand bei der Durchsuchung des NSU-Verstecks Alben von U2.

Der Song ebnete dem Düsseldorfer Rap-Trio den Weg in den Mainstream: Die Amadeu Antonio Stiftung zeichnete die Antilopen Gang für ihr Engagement gegen rechts aus, die jungen Radiosender der ARD verliehen dem Trio den „New Music Award“ – und das Publikum hievte das neue Album „Anarchie und Alltag“ gerade eben an die Spitze der deutschen Album-Charts, in Österreich schoss das Werk von null auf Platz fünf.

Mit dem Albumtitel knüpft die Antilopen Gang ganz selbst- und pophistoriebewusst an die Großtat der Fehlfarben „Monarchie und Alltag“ (1980) an. Fehlfarben-Sängerdichter Peter Hein, von der FAZ einst als „Leitfigur des deutschen Punk“ gefeiert, adelt nun ein Stück der Antilopen Gang auf dem spannenden Bonusalbum „Atombombe auf Deutschland“, das mit der Deluxe- und Vinyl-Version von „Anarchie und Alltag“ geliefert wird. Insgesamt zwölf Punk-Coverversionen von Antilopen-Gang-Hip-Hop-Stücken werden darauf geliefert. Und Punk-Veteranen wie Bela B. oder Campino von den Toten Hosen stimmen mit ein. JPK, das Label der Toten Hosen, hat die Antilopen Gang mit großer Hellsicht bereits 2014 unter Vertrag genommen.

Den eigenen Erfolg und Status als „moralisches Gewissen“ verarbeitet das Rap-Kollektiv Koljah, Panik Panzer und Danger Dan nun mit trotziger Selbstironie – und wohl auch einem Seitenhieb auf Verschwörungstheoretiker. Denn im Opener „Das Trojanische Pferd“ outet sich die vermeintliche „studentische Rap-Band“ als Speerspitze einer Stadtguerilla, die den Bundestag kapern will: „Wir haben euch überlistet und zerstören euch von innen“, heißt es da. Trotz Mainstream-Erfolg: Dressieren lässt sich die Antilopen Gang nicht, das darf man getrost glauben. Die eigenwillige Mischung von Nonsens-Botschaften („Pizza“), Depressionsbewältigung („Alf“) und zuweilen klamaukiger Gesellschaftskritik („Tindermatch“) wird von einer aufrechten linken Haltung getragen. Stücke wie „Fugen im Parkett“, bei dem Schorsch Kamerun im Refrain vom „verlorenen Potenzial, die Parallelgesellschaft der Loser an der Bar“ singt, zählen zu den Glanzlichtern des Albums. (sire)

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