„Erschreckend hoch“: Trend zu „Helferleins“ im Hobbysport

Graz (APA) - In Zeiten, in denen die Prinzipien der Leistungsgesellschaft in viele Lebensbereiche eindringen, wird auch Freizeitsport selten...

Graz (APA) - In Zeiten, in denen die Prinzipien der Leistungsgesellschaft in viele Lebensbereiche eindringen, wird auch Freizeitsport seltener aus reinem „Spaß an der Freude“ betrieben. Mit der Frage, wie stark das Phänomen „Doping“ schon aus dem Leistungs- in den Hobbysport einsickert, beschäftigt sich Pavel Dietz von der Universität Graz. „Es ist erschreckend, wie hoch die Zahlen sind“, sagte er zur APA.

Mit den Schattenseiten des Sports setzen sich mittlerweile mehrere Forschungsgruppen auseinander, „wir konzentrieren uns primär auf den Breitensport, auf den Hobbysportler, der Schmerzmittel einnimmt, die Mutter, die in einem halben Jahr einen Halbmarathon laufen will, und vielleicht auch schon ‚Dopingsubstanzen‘ einnimmt“, so der Forscher vom Grazer Institut für Sportwissenschaft. Dass es sich hier nicht mehr um ein Randthema handelt, werde immer greifbarer.

Schon länger ist das Problem unter Fitnessstudio-Besuchern bekannt. Hier gehe die Forschung davon aus, dass bis zu einem Fünftel „Substanzmissbrauch“ - wie es im Freizeitsportbereich heißt - betreibe, erklärte Dietz. Das Phänomen breite sich aber merklich aus, etwa auf Hobby-Läufer oder -Triathleten.

Dass die gesamte Gesellschaft immer mehr in Richtung Leistung gehe, schlage eben auch in die Freizeit durch, zeigte sich der unter anderem auf Dunkelzifferforschung spezialisierte Wissenschafter überzeugt: „Du musst mittlerweile sozusagen jeden Berg am Wochenende zweimal hochgehen. Das produziert natürlich auch das Phänomen des Substanzkonsums.“

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Man könne für die vergangenen zehn bis 15 Jahre sozialwissenschaftlich klar aufzeigen, dass sich vieles geändert habe. Dietz: „Sport ist nicht mehr Hobby und Selbstzweck, es ist Selbstidentifikation. Ich muss beim Firmenlauf schneller laufen als mein Büronachbar, sonst bin ich schwach.“

In einer größeren Studie unter Hobby-Triathleten stellten Dietz und Kollegen fest, dass 13 Prozent der fast 3.000 Befragten in irgendeiner Form „Helferlein“ einsetzen. Substanzmissbrauch beginne beispielsweise schon dort, wo ohne Symptome, wie etwa Kopfschmerzen, vor dem Training oder Wettkampf ein Schmerzmittel eingenommen wird.

„Wir haben in einer Befragung herausgefunden, dass 50 Prozent der Marathonläufer das schon einmal gemacht haben, weil sie sich davon eine Wirkung erhoffen“, sagte Dietz. Die Theorien dahinter gingen von einer vermuteten besseren Leidensfähigkeit bis zu der Annahme, dass man durch die Blutverdünnung schneller laufen könne. „Da kursieren die ‚besten‘ Ideen“, so der Forscher.

Als Tauschbörse für Informationen fungieren vor allem Internet-Foren. Dort werde neben Mythen teilweise auch Know-how „fast auf Ärzteniveau“ weitergegeben, wie eine Analyse ergab. „Das Internet ist auch beim Verbreiten von Doping-Know-how das Medium schlechthin geworden“, sagte Dietz.

Es brauche nur wenige Klicks, und man werde bei der Planung und Umsetzung der angestrebten Anabolika-Kur „an der Hand genommen“, so der Experte. In Zeiten des quasi ungehemmten Substanzversandes im Internet entfalle dann auch der Weg zum „Dealer“, den potenzielle Interessenten vielleicht früher scheuten.

Im Gegensatz zum Leistungssport, wo die Motivation nach dem Motto „Sieg um jeden Preis“ auf der Hand liegt, ist der Ansporn im Hobbybereich nicht so einfach festzumachen. In tiefergehenden Interview-Studien wurden von „Körpertuning“ bis zur Identifikation in der Gruppe - etwa im Fitnessstudio - zahlreiche Motive genannt.

In manchen Sportarten herrsche mittlerweile auch eine relativ verbreitete Annahme unter Hobbyathleten, dass man irgendwann etwas nehmen müsse, um sich zu verbessern. Dietz: „Viele werden dann von ‚Mentoren‘ hingeführt - vor allem im Fitnessstudio, aber auch im Triathlon.“

In manchen Bereichen des Leistungssports gebe es wenig Bewusstsein dafür, dass man einen Regelverstoß begeht. Das liege einfach daran, dass Doping vielfach omnipräsent sei. Betrogen fühlen sich dann quasi nur jene, die bestraft werden.

Die Hobbysportler, die diesen Weg gehen, würden jedenfalls eine rationale Entscheidung treffen. „Hier ist aber oft nicht bewusst, welche langfristigen Auswirkungen das haben kann“, wie Brustkrebserkrankungen bei Männern oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sagte der Forscher.

(S E R V I C E - Auf APA-Science geht heute, Montag, ein Dossier zum Thema „Sportwissenschaft“ online: http://science.apa.at/dossier/sport)


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