Delikater Lesestoff für den Papst

Zehn Ehen im Jahr werden in der Diözese Innsbruck für nichtig erklärt, aus psychischen Gründen oder weil ein Partner Kinder ablehnt. Manch heikler Fall landet beim Heiligen Vater.

Das symbolische Ende einer Ehe. Zur Scheidung kann dann noch eine kirchenrechtliche Auseinandersetzung kommen, um eine vor Gott geschlossene Partnerschaft für unwirksam zu erklären. Foto: iStock
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Von Markus Schramek

Innsbruck –Mann und Frau, kirchlich und standesamtlich verheiratet, drei gemeinsame Kinder. Die Beziehung kriselt, es kommt zur Scheidung mit nervenaufreibenden Obsorge- und Unterhaltsfragen, das volle Programm. Doch der sehr dem Glauben verbundene Mann will mehr: seine neue Liebe kirchlich heiraten. Nach katholischem Recht muss dazu die erste Ehe für ungültig erklärt werden. Dies beantragt der Mann beim Diözesangericht der Diözese Innsbruck, und er kommt damit durch. Eine vor Gott geschlossene Verbindung mit mehreren Nachkommen ist hinfällig, der Weg zum Traualtar zum zweiten Mal frei.

Dieser Fall hat sich in Tirol tatsächlich zugetragen. Das Nichtigerklären kirchlicher Ehen ist hierzulande zwar kein Massenphänomen, aber auch kein Jahrhundertereignis. „Zwischen sechs und zehn kirchliche Ehen werden in unserem Zuständigkeitsbereich pro Jahr für ungültig erklärt“, sagt Bertram Zotz, der Kanzleileiter des Diözesangerichts Innsbruck. Dieses entscheidet als 1. Instanz über eingelangte Anträge. Berufungen sind Sache des erzbischöflichen Diözesangerichts Salzburg. Bei einer neuerlichen Berufung ist dann das päpstliche Gericht in Rom („Rota Romana“) am Wort.

Voraussetzung für einen Antrag auf Ehe-Nichtigkeit ist es, dass die Partnerschaft zuvor zivilrechtlich geschieden wurde, also definitiv nicht mehr zu retten ist. Aus Jux und Tollerei wird sich dann aber wohl kaum jemand an das Diözesangericht wenden. „Schwerwiegende Gründe müssen nachweislich vorliegen, damit eine kirchliche Ehe als ungültig erkannt wird“, betont Zotz.

Und er zählt solche Gründe auf: Wenn eine Ehe unter Zwang oder Druck geschlossen wurde; wenn sich ledige Eltern zur Ehe drängen ließen, obwohl sie innerlich dazu nicht bereit waren. Oder wenn sich einer der Partner dem Wesen der Ehe verschließt, weil er oder sie sich der Treue verweigert oder keine Bereitschaft zeigt, Kinder zu bekommen. Oder weil eine Suchterkrankung vorliegt.

Manche Antragsteller machen psychische Gründe, beim Partner oder bei sich selbst, dafür geltend, dass ihre Ehe trotz Jaworts nie rechtswirksam zustande kam. „Nicht jeder vermag jene Nähe zuzulassen, die eine Ehe bedeutet“, erläutert Zotz.

Dem Diözesangericht gehören Priester, Laien und ein „Ehebandverteidiger“ an. Dieser zeigt Argumente auf, die gegen die Nichtigkeit einer Ehe sprechen.

Das Gerichtspersonal wird vom Bischof für fünf Jahre bestellt und muss kirchenrechtlich firm sein. „Es sind Theologen oder Juristen, die sich im kanonischen Recht weitergebildet haben“, so Zotz. Als Theologe mit kanonischer Zusatzqualifikation fungiert auch er als Diözesanrichter.

Über die Anträge auf Nichtigkeit einer Ehe befindet ein Richterkollegium aus drei Mitgliedern, unter Vorsitz eines Priesters und mit Mehrheitsbeschluss. Vor dem Diözesangericht wird den Expartnern eine direkte Konfrontation erspart, ganz anders als bei Scheidungen. Die Parteien werden zu getrennten Terminen befragt, ebenso jene Zeugen, die nominiert werden können. Schnelle Entscheidungen sind selten, vor allem, wenn psychologische Gutachten notwendig sind, um behauptete Wesenszüge eines Betroffenen näher zu beleuchten.

Die Kosten steigen mit dem Aufwand. 250 Euro werden in Innsbruck pauschal für ein Verfahren 1. Instanz verlangt. Gutachten können sich mit weiteren 400 bis 700 Euro zu Buche schlagen. Das ist immer noch ein Schnäppchen im Vergleich zu den Beträgen, die eine Scheidung verschlingt. Anwälte werden für Verfahren am Diözesangericht meist nicht beigezogen.

Vielfach wird gemunkelt, dass es für einflussreiche Personen leichter sei, kirchliche Ehen wieder loszuwerden. Zotz kennt dieses „hartnäckige Gerücht“, er weist es vehement zurück: „Antragsteller kommen aus allen Schichten, und alle haben dasselbe Recht, die Gültigkeit ihrer Ehe überprüft zu erhalten.“

Die dabei behandelten Fragen sind stets höchst privat, mitunter sogar intim. Schließlich geht es auch um sexuelle Aktivitäten. So kommt es vor, dass sich einer der Eheleute nach der kirchlichen Trauung weigert, mit dem/der Vermählten Sex zu haben. Aktuell gibt es in der Diözese Innsbruck zwei solche Streitfälle.

Jetzt wird es etwas kompliziert. „Die Verweigerung sexueller Aktivitäten nach der Eheschließung löst kein Nichtigkeitsverfahren, sondern ein Eheauflösungsverfahren aus“, zitiert Zotz die Bestimmungen des Kirchenrechts.

Solche Fälle landen an der, nach katholischen Maßstäben, höchsten Stelle. „Das Diözesangericht vor Ort leistet hier nur die Vorarbeiten. Die Entscheidung, eine nicht vollzogene Ehe aufzulösen, obliegt einzig dem Papst“, weiß Zotz. Ein Rechtsanspruch bestehe dabei allerdings nicht.

Immer wieder landet also besonders sensibler Lesestoff auf dem Schreibtisch des Heiligen Vaters im Vatikan.


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