Biokleber als Alternativen zu schädlichen Medizin-Klebstoffen gesucht

Wien (APA) - Wenn Ärzte eine Platzwunde verschließen und Gelenksprothesen an Knochen befestigen, verwenden sie dazu oft Klebstoff, auch im H...

Wien (APA) - Wenn Ärzte eine Platzwunde verschließen und Gelenksprothesen an Knochen befestigen, verwenden sie dazu oft Klebstoff, auch im Haushalt ist er gebräuchlich. Die gängigen Substanzen sind aber gesundheitsschädlich, kritisierte der Bioklebstoff-Experte Janek von Byern im Gespräch mit der APA. In einem EU-weiten Projekt entwickeln Forscher von Pflanzen und Tieren abgekupferte, ungiftige Alternativen.

Bei Kindern würde man etwa zurecht nicht gerne sehen, wenn sie mit Superkleber hantieren, weil er zum Beispiel Hautreizungen verursacht. Die Ärzte verwenden aber - aus Mangel an Alternativen - Klebstoffe mit der gleichen chemischen Zusammenstellung, sagte von Byern, der am Ludwig Boltzmann Institut für Experimentelle und Klinische Traumatologie in Wien arbeitet. Auch Formaldehyd, das aus Holzklebern verbannt wurde, weil es giftig und krebserregend ist, sei in medizinischen und kosmetischen Klebstoffen oft in hohen Konzentrationen enthalten.

Von Byern koordiniert das Europäische Netzwerk für Bioadhäsion (ENBA), wo er mit Kollegen erforscht, wie die Klebstoffe von biologischen Organismen aufgebaut sind: etwa bei fleischfressenden Pflanzen und Glühwürmchen, die damit Insekten fangen, bei Salamandern, die Fressfeinden das Maul in Sekundenschnelle verkleben, und Schnecken, die sich damit an Laternenmasten und Hauswänden halten. Die Wissenschafter treffen einander am Montag und Dienstag (6., 7. März) zu einer Konferenz im Naturhistorischen Museum Wien und präsentieren ihre Forschung auch interessierten Besuchern.

Der Publikumsevent findet am 6. März im Museumsfoyer statt (9.30-15.00 Uhr). Besuchern werden dabei diverse klebende Tiere und Pflanzen präsentiert, zum Beispiel eine Salamanderart namens „Marmor-Querzahnmolch“, Orchideen, Weinbergschnecken aus Wiener Zucht und fleischfressende Pflanzen.

Auf der Suche nach Bioklebstoffen zeichnen sich bereits erste Erfolge ab. So könnte ein zementartiger Bioklebstoff von Zecken möglicherweise in Zukunft Sehnen und Bänder an Knochen verankern, und der Salamanderklebstoff oberflächliche Hautwunden schließen. Klebstoffe von Meeresorganismen wie Muscheln haben hingegen für feuchte Umgebungen Potenzial, wie bei inneren Organen, so die Forscher.

Bereits seit den 1970er-Jahren wird ein in Wien entwickeltes System mit einem Bioklebstoff weltweit bei Operationen verwendet, nämlich Fibrin. Dies ist ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Blutes, der bei Verletzungen zum Wundverschluss führt. Fibrin wird aus Blutplasma gewonnen und dient bei Magen- und Darmoperationen als Klebstoff sowie zur Blutstillung bei Herzoperationen. Die biologische, körpereigene Substanz wird vom Körper nach einiger Zeit abgebaut, sobald das Gewebe geheilt ist.

Auch die Holzindustrie benötigt dringend einen biologisch abbaubaren Klebstoff, zum Beispiel um Wellpappe zusammenzukleistern, erklärte von Byern. Beim Recyceln würden nämlich Superkleber- oder andere im Haushalt gebräuchliche Klebstoffe die Maschinen verkleben. Derzeit verwendet man dort Leim aus Kartoffelstärke, doch dessen Herstellung sei energetisch sehr aufwendig. Erste Versuche mit Salamanderklebstoff zeigten, dass dessen Haftkraft ausreichend ist, doch man sei noch weit davon entfernt, ihn in kommerziellen Mengen zu produzieren, sagte der Forscher.

So interessant es sei, dass keiner der bisher analysierten Bioklebstoffe den andern ähnelt, so schwierig sei es oft, ihre Zusammensetzung aus verschiedensten Eiweißstoffen, Zuckern, Fettstoffen und anderen Biomolekülen herauszufinden. Dies mache es auch für viele Bereiche zu teuer, sie nachzubauen, erklärte er.

Es gibt aber auch simple Naturkleister, wie etwa jener von Glühwürmchen aus neuseeländischen Höhlen, den von Byern mit Kollegen untersucht hat. Er besteht bloß aus Harnstoff (Urea) und einem Eiweißstoff, wäre wohl günstig herzustellen und für die Holzindustrie interessant, die seit dem Verbot von Formaldehyd auf der Suche nach guten Alternativen ist.

(S E R V I C E - Internet: http://www.cost.eu/COST_Actions/ca/CA15216)


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