Relikte geheimnisvoller menschlicher Häutungen

Fastenzeitliche Verwandlung des Innsbrucker Doms durch die Innsbrucker Künstlerin Minu Ghedina.

© Thomas Boehm / TT

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Bereits zum 17. Mal erfährt der Innsbrucker Dom während der Fastenzeit eine kunstvolle Verwandlung. Heuer durch die Innsbrucker Malerin und Bildhauerin Minu Ghedina, die in ihrer zweiteiligen Installation auf ihre ganz spezielle Weise Peter Sloterdijks Gedanken des Sphärenwechsels und Hüllenbruchs weiterspinnt. Indem sie von bis zu 15 Meter langen dünnen Schnüren fragile Körperhüllen von der Kuppel der Vierung baumeln lässt. Die wie die Relikte geheimnisvoller Häutungen daherkommen, wo allerdings die nun nackten, aller lebensweltlichen Bezüge entledigten Körper geblieben sind, ist die große Frage.

Aus bemaltem Seidenpapier, das teilweise über metallene Gestelle drapiert ist, hat Minu Ghedina diese Kostüme geformt, die letztlich nichts anderes als Reliquien sind, die Geschichten erzählen. Etwa von einem Mann, dessen schwerer dunkler Mantel eigenartig zärtlich mit Schmetterlingen bestückt ist. Rosa ist das Kleid, das einem kleinen Mädchen gehört hat, die von fünf Frauen sind teilweise arg zerfleddert. Unschwer lesbar als Spuren von Verletzungen, die sie bei ihren Fluchten vor was oder wohin auch immer erlitten haben. Oder vielleicht auch „nur“ bei ihrem Schlüpfen von einem Seinszustand in einen anderen, letztlich vom Leben in den Tod.

Sie versuche, Räume zu bauen, die den Betrachter unmittelbar in einen emotionalen Zustand versetzen, Befindlichkeiten aufdecken, Fragen stellen, sagt die Künstlerin, die zugibt, dass die Bespielung des Doms für sie eine großartige Herausforderung gewesen sei, die ihr teilweise aber auch viel Angst gemacht habe.

Der zweite Teil von Minu Ghedinas Installation ist ein zehnteiliger Vorhang, der als fragile Barriere zwischen Kircheneingang und Kirchenraum, außen und innen, profaner und sakraler Ebene, vom Lauten zum Stillen erlebbar ist. Auch hier geht es letztlich um einen Paradigmenwechsel, um eine Wandlung, um ein freiwilliges oder schicksalhaftes Geworfen-Sein.

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Die Grenze ist allerdings uneindeutig, transluzid, bemalt mit Figuren, die in luftleeren Räumen schweben. Woher sie kommen oder wohin sie gehen, bleibt unklar, aber auch, ob sie sich gerade im Zustand des Hineingeworfen- oder Hinausgeworfen-Werdens befinden.

Die Installation von Minu Ghedina ist bereits die 17. künstlerische Intervention während der Fastenzeit im Innsbrucker Dom. Wie immer initiiert vom Kunstraum Kirche und tatkräftig unterstützt vom kunstsinnigen „Hausherrn“ Prälat Florian Huber.


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