Fall Yücel - Empörung und Applaus bei Türken in Deutschland

Köln/Ankara (APA/dpa) - In der türkischen Community in Deutschland löst die Untersuchungshaft im Fall des „Welt“-Journalisten Deniz Yücel So...

Köln/Ankara (APA/dpa) - In der türkischen Community in Deutschland löst die Untersuchungshaft im Fall des „Welt“-Journalisten Deniz Yücel Sorge und Empörung aus. Aber auch vereinzelt Zustimmung. Viele wollen sich lieber nicht äußern. Eindrücke aus Köln.

Den Fall des deutsch-türkischen Korrespondenten Deniz Yücel scheinen alle hier zu kennen. „Das geht nicht, diese U-Haft ist falsch. Jeder in der Türkei muss seine Meinung frei sagen können. Und als Journalist frei schreiben dürfen“, empört sich Murat Kocyigit am Kölner Eigelstein nahe dem Hauptbahnhof. „Ich mache mir Sorgen. Er ist nicht der einzige Journalist, der im Gefängnis sitzt“, sagt der Selbstständige, der derzeit lieber nicht in die Türkei reisen möchte.

Einige Häuser weiter in dem Viertel mit vielen türkischen Geschäften arbeitet Aysel Ocak (Name geändert), die das Schlimmste für den „Welt“-Reporter befürchtet. „Ich habe große Angst um Deniz. Und er ist nicht allein mit diesem Schicksal. Die Bundeskanzlerin und die EU müssen die sofortige Freilassung aller Journalisten fordern.“

Das sehen in Köln nicht alle so. Der türkische Geschäftsmann Hamdi Lal findet die U-Haft richtig. „Yücel hat mit seinen Berichten immer wieder Grenzen überschritten“. Und welche? „Da muss man nicht so ins Detail gehen“, sagt der Ladeninhaber. Er ist überzeugt: „Man kann nicht machen, was man will, bloß weil man einen Presseausweis hat.“

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Yücel war nach 13 Tagen Polizeigewahrsam am Montag in Untersuchungshaft gekommen - als erster deutscher Korrespondent seit Regierungsübernahme der islamisch-konservativen AK-Partei 2002. Dem 43-Jährigen werden der „Welt“ zufolge „Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung“ vorgeworfen.

„Es gibt fast keine unabhängigen Journalisten mehr in der Türkei. Und so kurz vor dem Referendum (zur Einführung eines Präsidialsystems) im April wird die Lage immer schlimmer“, sagt Ocak. „Mein Familie lebt in Istanbul und ist politisch engagiert.“ Gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan und die AKP. „Ich sorge mich um sie.“ Ihre Schwester kenne Yücel persönlich und sei vor zwei Wochen vorübergehend festgenommen worden.

„Die Pressefreiheit in der Türkei ist stark eingeschränkt. Dass Journalisten wie Yücel einfach eingesperrt werden, passt nicht zu einer Demokratie“, kritisiert Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD). „Das muss ein Ende haben.“

Nach Einschätzung von Sofuoglu gehen Regierungskreise vor der Volksabstimmung über die umstrittene Verfassungsänderung allerdings „noch aggressiver“ gegen Kritiker vor. Die Nervosität wachse in Ankara, weil die Stimmung eher in Richtung Ablehnung der von Erdogan angestrebten Einführung eines Präsidialsystems gehe, die ihm mehr Macht einräumen würde.

In Köln, Berlin, Hamburg, München und anderen Städten wurden für Dienstag Autokorsos für die Freilassung des 43-Jährigen organisiert. Auch in Wien, Graz und Zürich sollen welche stattfinden. „Unser Kollege Deniz Yücel liebt Autokorsos. Wir nehmen uns die Freiheit, auch hier in Köln laut hupend auf seine Situation aufmerksam zu machen - und darauf, dass Hunderte Journalistinnen und Journalisten in der Türkei verfolgt werden oder wie Deniz im Gefängnis sitzen“, sagt Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands. „Wir dürfen nicht wegschauen, wenn in der Türkei Menschenrechte wie die Pressefreiheit systematisch unter die Räder kommen.“

Ganz viele Menschen am Kölner Eigelstein wollen sich zu dem Thema lieber gar nicht äußern. „Alles was ich sage, könnte falsch sein. Ich sage besser nichts“, meint der türkische Angestellte eines Juweliers.

Yüsein Topel aus Solingen spricht dagegen Klartext. Der türkischen Regierung gehe es auch darum, ein „politisches Druckmittel“ in der Hand zu haben, wenn sie den Korrespondenten einer großen deutschen Zeitung in U-Haft nehmen lasse. Der türkisch-deutsche Journalist spricht von einer „politischen Geiselnahme“.


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