Stichwort: Der politische Aschermittwoch

Passau (APA) - Der „politische Aschermittwoch“ hat seine Wurzeln in Bayern. Die Tradition des bayrischen Bauernbundes wurde zunächst von der...

Passau (APA) - Der „politische Aschermittwoch“ hat seine Wurzeln in Bayern. Die Tradition des bayrischen Bauernbundes wurde zunächst von der CSU übernommen, mittlerweile nutzen alle Parteien in Deutschland die Gelegenheit, zu Beginn der Fastenzeit mit dem politischen Gegner abzurechnen. Nach Österreich hat die Tradition des jährlichen verbalen Rundumschlags die FPÖ importiert.

Die anderen Parteien hierzulande haben sich dem Brauch nur zögernd angenähert. Seit einigen Jahren hat es sich allerdings auch Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl zur Tradition gemacht, launige Aschermittwochs-Reden zu halten. Dieses Jahr tritt er beim Tiroler Wirtschaftsbund in Telfs auf. Neu ist, dass Spitzenpolitiker aus Österreichs wie heuer in großer Zahl zu Aschermittwochs-Veranstaltungen ihrer Schwesterparteien nach Bayern reisen.

„Aschermittwoch“ ist politisch gesehen kein Fasttag. Im Gegenteil bemühen sich die Proponenten der Parteien darum, mit üppigen, bemüht humorigen Bierzelt-Reden das Parteivolk zum Schenkelklopfen zu bringen. Der Brauch geht auf einen Viehmarkt im 19. Jahrhundert im bayerischen Vilshofen zurück. Ab 1919 folgten dort Kundgebungen des Bauernbundes. Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte er freilich erst, als ihn der legendäre bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß mit seiner CSU 1953 die Tradition übernahm. Der CSU-Patriarch Strauß trat zunächst viele Jahre in einem kleinen Wirtshaus auf, 1975 ließ er die Kundgebung in die Passauer Nibelungenhalle verlegen.

Im Laufe der Jahre kopierten alle Parteien das Format. Vilshofen ist mittlerweile zu Beginn der Fastenzeit in SPD-Hand. Auch in anderen deutschen Bundesländern wurde es übernommen, erlangte dort aber nie eine solche Bedeutung wie in Bayern. Im vergangene Jahr fiel der politische Aschermittwoch zum ersten Mal in seiner Geschichte vollständig aus. Grund war ein Zugsunglück im deutschen Bad Aibling am Vortag, bei dem zwölf Menschen ums Leben kamen und rund 80 verletzt wurden.

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Nach Österreich exportiert wurde der „politische Aschermittwoch“ 1992 durch die Freiheitlichen. Dieses Jahr veranstaltet die FPÖ bereits zum 26. Mal ihren Aschermittwoch in der Jahn-Turnhalle in Ried im Innkreis. Bei dem jährlichen Treffen kommentieren Redner in Bierzelt-Atmosphäre in deftigen Worten die politische Lage.

Berühmtheit erhielt die Veranstaltung vor allem durch drei Ausrutscher Haiders, einer davon führte sogar zu internationalen Verstimmungen, nämlich als der FPÖ den damaligen französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac 2000 als „Westentaschen-Napoleon“ abkanzelte.

Über den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Ariel Muzicant meinte Haider 2001: „Ich verstehe überhaupt nicht, wie einer, der Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben kann.“ Ein Jahr später legte er nicht minder derb in Richtung des damaligen VfGH-Präsidenten Ludwig Adamovich nach: „Wenn man schon Adamovich heißt, muss man zuerst einmal fragen, ob er eine aufrechte Aufenthaltsberechtigung hat.“


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