Eine Leiche im Moor und seltsame Typen am Tresen

Eine Entdeckung: Patrick McGinleys hochprozentiger Kriminalroman „Bogmail“ hält provinzieller Bigotterie den Spiegel vor.

Bei Erscheinen galt Patrick McGinleys „Bogmail“ als Angriff auf Anstand und Ehrbarkeit. Heute wird er in Irland als Klassiker gefeiert.
© Steidl

Innsbruck –Es hat lange gedauert, bis Patrick McGinleys „Bogmail“ ins Deutsche übertragen wurde. In Irland erschien der „Roman mit Mörder“ vor beinahe 40 Jahren – und sorgte für einen veritablen Skandal. Das Buch sei eine „entsetzliche Beleidigung“ bar jeden Geschmacks, befand der Donegal Chronicle damals, ein Angriff auf Anstand und Ehrbarkeit. Inzwischen gilt „Bogmail“ als Klassiker und Wegbereiter des deftig-dreckigen Kneipenkrimis irischer Prägung. Dass die so verspätete deutsche Erstauf­lage ein gutes Buch geworden ist, ist das Verdienst des Übersetzers Hans-Christian Oeser, der McGinleys hochprozentigen Hintersinn, sein staubtrockenes Suffsinnieren in wunderbar widerborstiges Deutsch verwandelt hat. Dass „Bogmail“ auch ein auffallend schönes Buch geworden ist, muss hingegen dem Göttinger Steidl-Verlag gutgeschrieben werden, der sich zumeist um edel edierten Höhenkamm, um Günter Grass und George Tabori zum Beispiel, kümmert – und mit „Bogmail“ beweist, dass man auch die Gosse zum Glänzen bringen kann. Im Pub von Tim Roarty – dem Protagonisten und, man darf’s verraten, Mörder – glänzen bestenfalls die Gläser, die mancher Stammgast nur allzu gern als Erregungsrequisit durch die Wirtsstube drischt. Roarty will seinen Schankkellner Eales um die Ecke bringen. Weil es mit einem vergifteten Omelette surprise nicht klappt, muss ein Band der Enzyklopaedia Britannica herhalten. Immerhin, ein perfektes Verbrechen, weil niemand hinter das Motiv kommen kann. Wer würde schon erraten, dass Eales Roartys Tochter nachstellt – und Roarty, der stundenlang über Robert Schumanns Kompositionen fachsimpeln kann, alles zu Virile in Rage bringt? Kurz nachdem Eales Leiche im Moor versinkt, trudelt allerdings der erste Erpresserbrief ein. Es gibt wohl einen Zeugen – und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der anonyme „Bogmailer“ – „bog“ bedeutet Sumpf – regelmäßig an Roartys Tresen lehnt. So viel zum Plot, der bei McGinley kaum mehr als Vorwand ist, für eine beißende Satire über die Bigotterie in der Provinz, die auch Krimi-Verweigerern wärmstens ans Herz gelegt sei. Denn eines wird schon nach wenigen Seiten klar: Dieses Irland ist überall. (jole)

Krimi Patrick McGinley: Bogmail. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Steidl, 336 Seite; 24,70 Euro.

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