„Rassismus wird offener gelebt“

Mehr als 3000 Sendungen mit 30.000 Gästen: Arabella Kiesbauer blickt auf eine lange Karriere zurück. Heute Abend moderiert sie die Gala „Wider die Gewalt“ in Innsbruck.

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Sie führen durch die dritte „Wider die Gewalt“-Benefizgala in Innsbruck. Sie selbst wurden 1995 Opfer einer besonders perfiden Form von Gewalt, als Franz Fuchs Ihnen eine Briefbombe schickte. Haben Sie damals überlegt, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen?

Arabella Kiesbauer: Ja, kurz. Ich dachte, ich würde klein beigeben. Aber das wäre genau das, was sich kranke Menschen wünschen, und geht gegen das, was ich will. Ich musste damals aus der Opferrolle heraus, in die ich gedrängt wurde. Also habe ich mich gegen Rassismus engagiert. Das hat geholfen.

Inwiefern hat sich die Rassismus-Situation seit damals verändert?

Kiesbauer: Ich bin damit konfrontiert, seit ich ein kleines Kind war. Das Ganze wird sich nicht ändern. Ich bin da pessimistisch genug. Oder eher realistisch. Man ist sich schon nicht ganz grün, wenn Menschen gleich sind. In dem Moment, wenn da Unterschiede wie Religion oder Hautfarbe dazukommen, ergibt sich daraus ein – unter Anführungszeichen – zusätzlicher Grund. Heute wird Rassismus offener gelebt. Früher hat man mich anonym beschimpft, heute steht auf Drohbriefen Name und Adresse des Absenders.

Trotzdem haben Sie sich bis heute nicht unterkriegen lassen. Im Gegenteil. Sie haben mehr als 3000 Sendungen mit 30.000 Gästen moderiert. Wer blieb Ihnen dabei in Erinnerung?

Kiesbauer: Bei meinem Talk „Arabella“ war alles sehr laut und bunt. Ich erinnere mich an Einzelschicksale. Eine kleine Tirolerin etwa. Sie litt an Progerie – diese Krankheit, die Patienten besonders rasch altern lässt. Sie war mit ihrer Mama da und die meinte, dass sie ihre Tochter wohl überleben wird. Sie habe das Gefühl, das sei vom Leben bestimmt, alles habe Sinn und die Kleine wäre ein Engel. Und wirklich: Alle im Studio haben gemerkt, dass von dem Kind ein besonderer Zauber ausging.

In „Arabella“ sprachen die Gäste angeblich über ihre echten Probleme. Heute dominiert „scripted reality“, wo Drehbuchautoren Geschichten schreiben, die Laiendarsteller umsetzen.

Kiesbauer: Nachdem ich 2004 mit meinem Talk aufgehört habe, gab es das auch schon massiv. Leicht zu erklären: Die Spirale hat sich immer schneller gedreht. Jeder Sender hat sein Nachmittagsprogramm mit „Daily Talk“ zugepflastert. Die Shows haben sich kannibalisiert. Jeder musste noch mehr Höhepunkte liefern. Diese Spirale ließ sich nur mit erfundenen Geschichten füllen, weil man in ein erfundenes Drehbuch schreiben kann, was man will. Das Fernsehen war übersättigt, die Produktionsbedingungen hatten sich geändert, die Budgets wurden gekürzt. Es gab viel weniger Redakteure, nur Praktikanten, die für einen Apfel und ein Ei ausgequetscht wurden. Es ist kein gutes Zeichen, wenn überall gespart wird. Da leidet auch die Qualität.

Es ist einem Zufall zu verdanken, dass Sie Moderatorin sind. Stimmt es, dass Sie mit 19, als Sie spontan zu einem Casting eingeladen wurden, erst absagten?

Kiesbauer: Ich wollte es absagen, weil ich einen Urlaub mit meinem Freund geplant hatte. Das habe ich so meinen Eltern gesagt – worauf sie fragten, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Also habe ich den Urlaub widerwilli­g verschobe­n und bin hingegange­n – obwoh­l ich mich um meine freien Tage betrogen gefühlt habe. Darum habe ich den Text bei der ersten Aufnahme richtig runtergerotzt. Vermutlich hat es mir eine gewisse Lässigkeit verliehen und nur Tage später war ich auf Sendung.

Gab es alternative Berufswünsche?

Kiesbauer: Theaterwissenschaften. Meine Eltern hatten damals ja ein Theater in Berlin und ich wollte ins Schauspielermanagement einsteigen. Schauspiel selbst hat mich eigentlich gar nicht gereizt.

Vor der Geburt Ihres ersten Kindes, als Sie 38 waren, haben Sie ein spanisches Meditationsretreat besucht.

Kiesbauer: Ein Schweigeretreat. Eine Woche lang. Es war sehr erholsam und leicht durchzuhalten. Viele Leute denken, ich rede so viel, aber das ist nur beruflich. Schließlich werde ich nicht fürs Schweigen bezahlt. Und ich mache ja oft Interviews – dabei muss ich auch schweigen.

Wie bringen Sie Ihren Kindern heute die afrikanische Kultur Ihres Vaters, der aus Ghana stammte, näher?

Kiesbauer: Wir haben Masken zuhause, Fotoalben von Opa Afrika und ich erzähle Geschichten. Opa Afrika, mein Vater, ist ja leider gestorben. Meine Kinder kennen ihn nur aus Videos und Erzählungen. Wenn sie älter sind müssen sie, so wie ich damals, mit auf Reisen nach Afrika gehen und so ihre Wurzeln entdecken.

Das Gespräch führte Judith Sam

Zur Person

Arabella Kiesbauer (47), die in Wien geboren wurde, machte sich mit der Talkshow „Arabella“ einen Namen. In den vergangenen Jahren moderierte die zweifache Mutter etwa den Eurovision Song Contest und die ATV-Show „Bauer sucht Frau“.


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