Journalist schrieb Brief aus Haft: „Urteil bringt mich zum Lachen“

Der in der Türkei inhaftierte deutsche Journalist Deniz Yüzel beschrieb in einem Brief seine Haftbedingungen.

Yücel dankte in seinem Brief aus der Haft seinen Unterstützern.
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Berlin/Ankara – Der in Istanbul inhaftierte deutsch-türkische Journalist Deniz Yüzel hat sich über seinen Anwalt mit einer kurzen Botschaft an seine Freunde und Unterstützer gewandt. „Glaubt mir: Es tut gut, verdammt gut“, hieß es in der handschriftlichen Notiz an die Adresse derjenigen, die sich für seine Freilassung einsetzen. Der Text wurde von Yücels Zeitung „Die Welt“ (Donnerstagsausgabe) veröffentlicht.

Auf dem Zettel mit der Anrede „Hallo Welt“ beschreibt Yücel, dass sich seine Haftbedingungen in der Untersuchungshaft im Vergleich zum vorherigen Polizeigewahrsam verbessert hätten. „Tageslicht! Frische Luft! Richtiges Essen! Tee und Nescáfe! Rauchen! Zeitungen! Ein echtes Bett! Eine Toilette für mich alleine, die ich aufsuchen kann, wann ich will“, schreibt er in der Notiz. Tagsüber könne er sich mit einer Handvoll politischer Häftlinge in Küche und Hof aufhalten, abends habe er eine Zelle für sich allein.

„Ein Stück Freiheit zurückgewonnen“

„Es mag sich merkwürdig anhören, aber mir kommt es so vor, als hätte ich ein kleines Stück meiner Freiheit zurückgewonnen“, kommentiert Yücel die Veränderungen. „Und obwohl sie mich meiner Freiheit beraubt, bringen mich das Verhör und die Urteilsbegründung noch immer zum Lachen.“

Yücel schrieb die Notiz laut „Welt“ am Mittwoch in der Untersuchungshaftanstalt Metris, kurz bevor er am Vormittag in das Gefängnis Silivri, ebenfalls in Istanbul, verlegt wurde. Dem Blatt zufolge sollen dort ähnliche Bedingungen herrschen wie in Metris.

Nach Auskunft seines Anwalts drohen Yücel zehneinhalb Jahre Haft. Dies sei die Höchststrafe für Volksverhetzung und „Terrorpropaganda“, die dem deutsch-türkischen Journalisten zur Last gelegt werden, sagte der Rechtsanwalt Anwalt Veysel Ok. Dieser legte demnach Einspruch gegen die Untersuchungshaft für Yücel ein. Der Journalist hatte sich am 14. Februar freiwillig der Polizei gestellt.

Pilz fordert Sanktionen gegen Türkei

Auch aus Österreich meldeten sich am Mittwoch weiter kritische Stimmen gegenüber dem Handeln der Türkei. Der grüne Parlamentarier Peter Pilz etwa forderte Sanktionen gegen die Türkei. Den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bezeichnete Pilz im Interview mit der Tageszeitung „Österreich“ (Online) am Mittwochnachmittag als „Benito Mussolini der Türkei“.

Pilz sprach sich für Handelshemmnisse im „wirtschaftlich-militärischen Bereich“ aus, nahm aber ausdrücklich Abstand von der Forderung nach einem Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Die Bundesregierung hatte im Dezember mit ihrer Forderung nach einem Einfrieren der Beitrittsverhandlungen für eine diplomatische Eiszeit zwischen Wien und Ankara gesorgt.

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) erneuerte indes ebenfalls gegenüber „Österreich“ seine Forderung, „klar Stellung zu beziehen“ und „starken Druck“ auf die Türkei auszuüben.

Justizminister macht Wahlkampf in Deutschland

Vor dem Hintergrund der Spannungen wegen der Inhaftierung des „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel in der Türkei tritt der türkische Justizminister Bekir Bozdag in Deutschland auf. Der Abgeordnete Mustafa Yeneroglu von der Regierungspartei AKP sagte der Deutschen Presse-Agentur in Istanbul, die Veranstaltung mit Bozdag sei für Donnerstagabend im baden-württembergischen Gaggenau geplant.

Der Parlamentarier bestätigte damit am Mittwoch einen Bericht der „Badischen Neuesten Nachrichten“. Nach Angaben der AKP handelt es sich um einen Wahlkampfauftritt, bei dem der Minister um Zustimmung für ein Präsidialsystem beim bevorstehenden Referendum werben will.

Ein Wahlkampfauftritt eines AKP-Politikers in Deutschland hatte vor kurzem für heftige Kritik gesorgt. Sowohl deutsche als auch österreichische Politiker forderten, ein etwaiger Auftritt des türkischen Präsidenten in ihren jeweiligen Ländern zu verhindern. (TT.com/APA/dpa)


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