Durchgeknallte Denker

Tote Autoren und eine linguistische Zauberformel: Laurent Binets hintersinnig-hirnrissiger Thriller „Die siebte Sprachfunktion“ führt ins Pariser Intellektuellen-Milieu der 1980er-Jahre.

Für "HHhH" wurde Laurent Binet 2010 mit dem Prix Goncourt in der Sparte Debüt ausgezeichnet.
© AFP

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Sechs Funktionen der Sprache hat der Linguist Roman Jacobson ausgemacht und theoretisch erörtert. Der Vollständigkeit halber: Es gibt die referenzielle, die expressive, die appellative, die phatische, die metasprachliche und die poetische Sprachfunktion. Das muss man sich jetzt aber keinesfalls merken – und auch nicht wirklich verstehen. Denn für Laurent Binets neuen Roman ist nur eine Sprachfunktion von Bedeutung. Und die hat der Autor – das ist sein gutes Recht – erfunden und Jacobson zugeschrieben. Es soll sich dabei um eine erstaunlich effektive Waffe handeln: „Wer diese Funktion kennt und beherrscht, wäre praktisch der Herr der Welt.“ Kein Wunder also, dass alle Welt hinter ihr her ist.

Erzähltheoretisch gesprochen ist die siebte Sprachfunktion, die Binets neuer Roman gleich im Titel trägt, selbst eine Funktion: Es ist ziemlich egal, was sie besagt, es reicht, dass sie die Handlung antreibt. Und das tut sie. Mit einem Knalleffekt. Am 25. Februar 1980 wird der französische Literaturwissenschafter und Zeichenforscher Roland Barthes von einem Lastwagen angefahren. Wenige Wochen später erliegt er in einem Pariser Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Das ist tatsächlich passiert. Laurent Binet aber dichtet den tragischen Unfall zum Mordanschlag um. Schließlich hat Barthes unmittelbar vor dem unachtsamen Versuch, eine Straße zu überqueren, mit dem sozialistischen Präsidentschaftskandidaten François Mitterrand zu Mittag gegessen. Vielleicht wollte Mitterand Barthes die linguistische Zauberformel entlocken? Von einem geheimnisvollen Manuskript, das Barthes an diesem Tag bei sich trug, jedenfalls fehlt seit dem „Unfall“ jede Spur. Der stockkonservative Kommissar Bayard soll – Befehl von ganz oben, von Präsident Valéry Giscard D’Estaing – ermitteln. Mangels geisteswissenschaftlicher Expertise lässt er sich vom Semiotikdoktoranden Simon Herzog beraten. Obwohl Bayard dem hochgestochenen Geschwurbel wenig abgewinnen kann.

Herzog übrigens beschäftigt sich unter anderem mit Ian Flemings „James Bond“-Romanen. Und zu einem solchen würde auch der Fall taugen, der sich jetzt nach und nach entspinnt: Es gibt durchtriebene Geheimbündler, bulgarische Brutalos, dubiose Hintermänner, Sadomaso-Orgien, Stricher im String, todbringende Kampfhunde, Aufschneider, Anpatzer und Attentäter. Und es gibt Frankreichs Intellektuellen-Schickeria: Michel Foucault, Phi­lippe Sollers, Jacques Derrida, Julia Kristeva, die ganze Hautevolee der Dekonstruktion, die auf irrwitzige Weise in das mörderische Treiben verwickelt werden, sich unwahrscheinlich wichtigmachen und Wortwolken am Fließband produzieren. Wobei es dem Vergnügen, das Laurent Binets mal klamaukiger, dann wieder hintersinnig-hirnrissiger Intellektuellen-Thriller macht, durchaus zuträglich ist, wenn man mit den Rollen, die diese Denker im Frankreich der frühen 1980er-Jahre spielten, einigermaßen vertraut ist. Ansonsten geht es einem mitunter wie dem wackeren Wissenschaftsvermeider Bayard: Man versteht nur noch Bahnhof. Dass Bayard so heißt, wie er heißt, ist übrigens auch so ein Insider-Schmäh: Der französische Literaturprofessor Pierre Ba­yard wurde 2007 durch seinen Bestseller „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ bekannt.

Neu ist die Kombination von Kriminalistik und Semiotik freilich nicht: Umberto Eco etwa, der in „Die siebte Sprachfunktion“ einen herrlichen Gastauftritt hat, hat sie theoretisch wie praktisch erprobt. Gilbert Adair inspirierte sich 1997 bei poststrukturalistischer Theoriebildung und der Affäre um den Literaturwissenschafter Paul de Man zu seinem Krimi-Gedankenspiel „Der Tod des Autors“. Binets Roman allerdings ist greller, respektloser, waghalsiger und viel, viel lauter als dieser Vorgänger. Ein ganz großer Spaß für unverbesserliche Theorie-Nerds. Und als durchgeknallter Krimi wesentlich klüger komponiert, als es zunächst den Anschein erweckt.

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Roman Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion. Aus dem Französischen von Kristian Wachinger. Rowohlt, 524 Seiten, 23,60 Euro.


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