Raumfahrt auf fliegendem Bilder-Teppich

Sonia Leimer und Herbert Hinteregger in der Galerie im Taxispalais.

© Sonia Leimer, Eroberung des Nutz

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Über den Aumannplatz, ein Stück die Währinger Straße hinunter, geht’s in den Wald der „Schwarzen Löcher“. Wir sprechen nicht von einem Wiener Naherholungsgebiet. Aber, was den beschriebenen Weg dorthin betrifft, von Plätzen und Straßen aus dem persönlichen Lebensumfeld der 1977 in Meran geborenen und in Wien lebenden Sonia Leimer. Sie hat ihnen – und damit dem öffentlichen Raum – Asphaltstücke samt deren Narben und Gebrauchsspuren entrissen und als objets trouvés in die Taxisgalerie gelegt. Womit man sich buchstäblich auf zwei zentralen Aspekten aus Leimers Werk stehend wiederfindet: Der Auseinandersetzung mit Raumfragen sowie dem performativen Zugang zu ihnen (in diesem Fall mit dem Betrachter als Akteur).

Dort, wo im Rahmen der heutigen Eröffnung performt wird, bleiben (nebst Video) über den Performance-Boden verstreute, schimmernde Edelstahl-Objekte, die Leimer einem Forschungsexperiment des Jahres 1959 nachempfunden hat, in dem sich ein Schimpanse ihrer zum Zweck der Bananenbeschaffung bedienen sollte. Hier dienen die Edelmetall-Bauklötze der „Eroberung des Nutzlosen“ – und referieren als Performance-Skulpturen deutlich auf die Passstücke von Franz West.

Leimers im Taxispalais ausgebreitetes „Autoterritorium“ legt schön auch den politischen Grundton ihrer künstlerischen Erkundung von Raum, Raumwahrnehmung und Inbesitznahme von Räumen offen. Das mit dem Start der russischen Raumsonde Sputnik 1957 begonnene Raumfahrtzeitalter gibt diesbezüglich einiges her. Leimer verfolgt politisch-ideologische Implikationen, aber auch über den Umweg in den Alltag, wo die ästhetischen Ausformungen des „Space Age“ in den 1960er- und 70er-Jahren nicht zuletzt das Blumenvasen-Design erfasste. Auf dünnen Armierungeisen schwebend werden „Space Age“-Vasen hier zum eingangs erwähnten Wald aus „Schwarzen Löchern“, der sich durchwandern lässt. Im Video „Above the crocodiles“ wiederum schmuggelt Leimer politische Fragen in die Originalaufnahmen einer Kosmonauten-Konversation.

Performative Skulptur: Videostill aus Sonia Leimers "Eroberung des Nutzlosen".
© Galerie Im Taxispalais

Kurator Jürgen Tabor, der die Galerie im Taxispalais zuletzt interimistisch geleitet hat, verabschiedet sich mit einer gelungenen Doppelausstellung aus der Institution: Während Leimer das Erdgeschoß mit Werken aus den letzten drei Jahren bespielt, ist die Herbert-Hinteregger-Schau in (und über) der Unteren Halle fast so etwas wie eine Retrospektive geworden, zeigt sie doch Werke aus rund 15 Schaffensjahren des 1970 in Kirchberg geborenen Malers, dessen Malmaterial – aus handelsüblichen Bic-Kugelschreibern „gemolkene“ bzw. langsam ausgetropfte Tinte – gleichsam sein Markenzeichen ist.

Der metallische Glanz, der dieser Farbe eigen ist, die abstrakten geometrischen Kompositionen, die in obsessiven Malprozessen entstehen, die Schichtungen, das inhaltliche Spiel mit der Adelung eines Massen- und Wegwerfprodukts treten aber zunächst in den Hintergrund. Zuallererst ist „Untitled (Flow)“ – und da lässt sich leicht auch die Brücke zu Leimers „Autoterritorium“ schlagen – eine räumliche Inszenierung, ein horizontal in den Raum gelegter Bilderstrom, den man durch das Glasdach der Halle auch von oben betrachten kann. Die Ausbreitung ins Räumliche betreibt Hinteregger schon länger auch mit den Behältnissen seines Malmaterials – aber wohl selten so monumental wie in der ebenfalls bis in den Außenraum hinaufwachsenden Wand-Installation aus 12.000 leeren Kugelschreiberhüllen. Unten, am Ufer des Bilderstroms, lohnt der Blick aufs Detail, bei dem sich das Experimentieren mit verschiedenen Techniken, u. a. dem Schwammdruck, oder mit neuen Träger- und Malmaterialien – heimatverbunden etwa Loden oder Sand vom Wilden Kaiser – offenbart.

Bis 11. Juni. Eröffnung heute Freitag, 19 Uhr.


Kommentieren


Schlagworte