Olympia: Stoss: „IOC muss zeigen, dass es ‚Agenda 2020‘ ernst nimmt“

Wien (APA) - Am Mittwoch ist Karl Stoss als Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees (ÖOC) in eine dritte Amtszeit gewählt worden...

Wien (APA) - Am Mittwoch ist Karl Stoss als Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees (ÖOC) in eine dritte Amtszeit gewählt worden. Im Interview mit der APA - Austria Presse Agentur sprach der Vorarlberger über die kommenden Herausforderungen, die Spitzensportförderung, seine Tätigkeit im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und eine Olympiabewerbung von Innsbruck:

APA: Welchen Herausforderungen sieht sich das ÖOC in den kommenden Monaten gegenüber?

Stoss: „Wir müssen in den kommenden 15 Monaten drei Großereignisse beschicken: Die Europäischen Jugendspiele im Juli in Györ, die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang 2018 und schließlich die Youth Olympic Games in Buenos Aires im Oktober 2018. Das sind mit Ausnahme von Györ alles sehr weite Reiseziele, da müssen wir Sponsoren suchen. Die Beschickung von Pyeongchang kostet 3 bis 3,5 Millionen Euro. Aus dem Budget haben wir zwei, den Rest müssen wir mit privaten Sponsoren abdecken. Und wir müssen das Thema Österreich-Haus organisieren und auch hier Sponsoren suchen.“

APA: Ist zu wenig Geld für die Spitzensportförderung vorhanden?

Stoss: „Wenn ich mir unsere Nachbarländer anschaue: Österreich hat nicht zu wenige Mittel. Die Frage ist, ob das Geld landet, wo es landen sollte. Geht da nicht durch eine hypertrophe Struktur schon ein Teil drauf? Wir haben halt eine Mehrgliedrigkeit im heimischen Sport, man tut sich schwer, Reformen anzugehen. Das gilt aber für die gesamte Gesellschaft. Es wäre besser, bei der Stunde null zu beginnen, sich zu fragen, was wir für Ziele im Sport haben. Auch beim Plan A (von Bundeskanzler Christian Kern) hat man gesehen - und ich unterstelle da keine Böswilligkeit -, kommt das Wort Sport gar nicht vor. Das sieht man ja auch immer bei der Ressortverteilung. Aber das kann es eigentlich nicht sein.“

APA: Die Olympischen Spiele von Rio sind erneut höchst bescheiden ausgefallen. ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel hat danach angesichts „vieler Top-Ten-Platzierungen“ gemeint: „Das macht mich für die Zukunft hoffnungsvoll.“ Dagegen heißt es im vom Olympiazentrum Wien erstellten „Kurzbericht zur Leistungsbilanz Österreichs“, die Ergebnisse der beiden Spiele in London und Rio ließen „einen beginnenden Abwärtstrend befürchten“. Ein Widerspruch?

Stoss: „Das würde ich nicht 1:1 unterschreiben. Wir werden medial zwar verantwortlich gemacht, aber das Problem ist, dass das ÖOC nicht die Verantwortlichkeit für den österreichischen Spitzensport hat. Wir bekommen die Sportlerinnen und Sportler vor Olympia und geben sie danach zurück. Und das ist der Unterschied zu Deutschland, Dänemark, der Schweiz, Neuseeland, um nur vier durchaus erfolgreiche Länder zu nennen. Die haben die volle Verantwortlichkeit über die gesamte Periode. Umso mehr kämpfe ich, damit sich da etwas ändert, um das herbeizuführen.“

APA: Beim kommenden Sportförderungsgesetz neu stehen die Zeichen auf Vereinheitlichung, Stichwort Bundessport-GmbH. Wie steht das ÖOC dazu, welchen Einfluss kann es in einer Bundessport-GmbH nehmen, und welche Funktionen kann es überhaupt seriöserweise erfüllen?

Stoss: „Wir sind ja noch nicht fertig in der Diskussion. Aber wenn wir wirklich weiterkommen wollen, müssen wir nicht nur A, sondern auch B sagen. Die GmbH ist an sich gut. Aber welcher Wunderwuzzi führt diese GmbH. Der braucht auch einen Beirat. Da gibt es Ausschüsse, Kommissionen, Beiräte. Wer bestimmt, wer aus dem Spitzensport in diesen Gremien drinnen sitzt? Die BSO (Bundessportorganisation) oder das ÖOC? Da diskutieren wir gerade drüber.“

APA: Sie wurden im August ins IOC gewählt. Wie oft fanden seitdem Meetings statt oder haben die Arbeitsgruppen getagt, in denen Sie sind?

Stoss: „Große Zusammenkünfte sind ja äußerst selten. Im Juli haben wir eine Präsentation der Bewerber für die Sommerspiele 2024 und 2028, Paris und Los Angeles, im kleinen Kreis des IOC. Ich bin auch in mehreren Arbeitsgruppen vertreten: Schon vor meiner Ernennung zum IOC-Mitglied war ich in der Arbeitsgruppe für eine mögliche Umsetzung der Agenda 2020, was Winterspiele betrifft, im Sinne ‚Small is beautiful‘. Zudem bin ich in der Marketingkommission und in der Arbeitsgruppe Sportsdata vertreten, die bisher noch nicht getagt hat. Da sollen überall verstreute Sportdaten gebündelt werden und als Dienstleistung den Fachverbänden zur Verfügung gestellt werden.“

APA: Sie haben die Arbeitsgruppe für die Winterspiele angesprochen. Inwiefern entspricht ein möglicher Winterolympia-Kandidat Innsbruck den erarbeiteten Empfehlungen?

Stoss: „Es geht um das ganze Bundesland Tirol. Weil entsprechende Sportstätten schon vorhanden sind. Nehmen Sie Hochfilzen, nehmen Sie St. Anton. Die müssen meiner Meinung nach beide dabei sein. Wahrscheinlich haben wir aber zu wenig Hallen. Die zu bauen macht keinen Sinn. Das ÖOC will keine Belastung des Steuerzahlers. Dann muss man zum Beispiel mit Inzell bezüglich der Eisschnelllauf- und mit Salzburg wegen der Eishockey-Bewerbe etc. reden. Auch wenn die bisher vorgeschriebenen 10.000 Plätze nicht vorhanden sind, dann sagt man jetzt eben: Ich biete keine 10.000, kommt nicht in Frage.“

APA: Ist die Zeit im IOC reif dafür?

Stoss: „Vielleicht ist das nicht möglich, aber man muss es probieren. Ich möchte dem IOC auf Augenhöhe gegenübertreten. Ich muss Verbündete finden. Ich muss Länder gewinnen, die sich darunter etwas vorstellen können. Ich denke, dass es genügend alpine Länder gibt, die da mitstimmen würden. Das ist Überzeugungsarbeit. Man darf nicht jammern, dass die Spiele in autokratische Staaten wandern, wenn man dagegen nichts unternimmt. Das IOC muss daher zeigen, dass es die ‚Agenda 2020‘ auch ernst nimmt und bereit ist, Flexibilität zu zeigen.“

APA: Wie man hört, ist eine Doppelvergabe der Spiele 2024 und 2028 an Paris und Los Angeles denkbar. Sind solche Doppelvergaben die Zukunft?

Stoss: „Ich kenne das nur von Gerüchten. Ich habe keinen wie immer gearteten Hinweis darauf. Solange das nicht verifiziert ist, will ich das nicht bewerten.“

APA: Welche Zukunft haben die Europaspiele?

Stoss: „Das bedürfte einer tiefergreifenden Reformation. Wir müssten das stärker mit Europameisterschaften verknüpfen, wir haben zu viele Wettbewerbe. Wenn es in der derzeitigen Form beibehalten wird, sind die Europaspiele langfristig nicht überlebensfähig.“

(Das Interview führte Günther Lehner/APA)


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