Danny Boyle: Mit Erfahrung wird man „nicht zwangsläufig besser“ 1

Berlin (APA) - In seinen zweiten Film stolperte Danny Boyle (60) einst regelrecht hinein. Die Low-Budget-Produktion „Trainspotting“ (1996) w...

Berlin (APA) - In seinen zweiten Film stolperte Danny Boyle (60) einst regelrecht hinein. Die Low-Budget-Produktion „Trainspotting“ (1996) wurde zum Kultfilm der 90er-Jahre. 21 Jahre und einen Oscar (für „Slumdog Millionär“) später lässt der britische Regisseur dem Drogenfilm endlich eine Fortsetzung folgen - und musste dafür erstmal jegliche gesammelte Erfahrung abschütteln, wie er der APA in Berlin erzählte.

APA: „T2 Trainspotting“ läuft nun seit einigen Wochen in Ihrer Heimat Großbritannien und begeistert sowohl Medien als auch Fans. Ist Ihre Erleichterung angesichts des Kultstatus des Originals größer als bei anderen Projekten?

Danny Boyle: Ja, das ist eine enorme Erleichterung. Erstmals beruhigt war ich, als wir den Film den Schauspielern gezeigt haben - ihnen ist sichtlich ein Stein vom Herzen gefallen. Man konnte ihnen ansehen, dass sie die Sorge mit sich herumgetragen hatten. Als Schauspieler dreht man seine Szenen, kommt nach sechs Monaten zurück und hat Angst, dass das Ergebnis furchtbar ist. Dann hatten wir ein Testscreening in Crawley, einer ganz gewöhnlichen Stadt südlich von London. Produktionsfirmen testen dort gerne Filme, weil der Ort nicht voller Intellektueller und Cineasten ist. Es war großartig, die Leute haben es geliebt! Teil dieser Begeisterung war eindeutig die Erleichterung. Auch sie hatten gehofft, dass die Fortsetzung kein Mist ist, weil sie das Original so mochten.

Wir sind an diesen Film nicht als Sequel herangegangen, sondern als etwas Eigenständiges. Aber je selbstbewusster wir wurden, desto mehr haben wir es mit dem Originalfilm verbunden - nicht, um einen Hit zu landen, indem wir die besten Szenen aus dem ersten Film wieder zeigen. Es sollte klar werden, dass die Filme zueinander gehören, im Dialog miteinander stehen.

APA: Zugleich bauen Sie Szenen aus Irvine Welsh‘ Roman „Trainspotting“ ein, die keine Verwendung im ersten Film fanden - darunter jene mit Begbie und seinem Alkoholiker-Vater, die den Titel erklärt. Hatten Sie stets im Hinterkopf, das eines Tages nachzuholen?

Boyle: Ja! Mittlerweile ist der Begriff „Trainspotting“ - wegen des Films, aber auch der seither vergangenen Zeit - geläufiger. Aber als wir den Film herausgebracht haben, war eine der meistgestellten Fragen stets die nach der Bedeutung des Titels. Ich habe immer versucht, es zu erklären, jedoch nie einen Weg gefunden, das entsprechende Material einzubauen. Dann ist die Idee einer Zeitschleife langsam in mir herangereift - die Idee, dass Spud beginnt, diese Geschichten von früher niederzuschreiben. Es ist eine gefährliche Idee, weil sie sehr literarisch ist. Aber Spuds Sichtweise - und damit Irvines, natürlich - ist so einzigartig, dass es sich richtig angefühlt hat. Das gab mir die Gelegenheit, mich doch noch an diese Szene zu wagen - natürlich mit wesentlich emotionaleren Folgen, weil man jetzt weiß, wie es mit Begbie weitergegangen ist.

APA: Sie haben oft erzählt, dass Sie in „Trainspotting“ - Ihren erst zweiten Film (nach dem Indie-Hit „Shallow Grave“) - regelrecht hineingestolpert sind. Wie anders war nun der Ansatz 20 Jahre später?

Boyle: Eines der Probleme, die man als Filmemacher mit mehr Erfahrung hat, ist: Sie macht einen nicht zwangsläufig besser. Man wird zwar technisch geschickter, aber nicht unbedingt interessanter als Filmemacher. Man eignet sich das Handwerk an. Was Menschen an dieser Art Film mögen, ist, dass er originell ist und sie so etwas vorher noch nie gesehen haben. Das ist eine Art Kampf, den man in sich austragen muss, um einen Teil des Rüstzeugs, durch das man einem Film seine Handschrift aufdrückt und Gefahren vermeidet, abzuschütteln. Diese Unschuld dabei, in etwas hineinzustolpern, ist die beste Art, um einen Film zu machen. Aber je älter und erfahrener man wird, desto schwieriger wird es, bei Null anzufangen. Produzenten hören das ja auch ungern. Die sagen dann: „Wir haben dir so viel Geld gegeben, und du willst so tun, als wüsstest du nicht, was du tust?“ (lacht) Man muss ihnen klar machen, dass das Interessanteste immer aus dem Bauch heraus entsteht - dann, wenn man nicht weiß, in welche Richtung es geht.

APA: Da eine für Sequels ungewöhnlich lange Zeit zwischen den beiden „Trainspotting“-Filmen liegt, haftet „T2“ automatisch Nostalgie an. Schwelgen Sie persönlich gerne in Erinnerungen oder schauen Sie ungern zurück?

Boyle: Ich bin eigentlich kein nostalgischer Mensch. Aber ich habe Kinder, die jetzt erwachsen sind - das macht einen automatisch nostalgisch. Wenn man sich Fotos ansieht, auf denen die Kinder noch jünger sind, macht das jeden Widerstand zunichte. Bei meiner Arbeit aber neige ich nicht dazu. Es war neu für mich, zu diesem Film zurückzukehren. Da kommt es zwangsläufig zu Momenten mit den Schauspielern, wo man sich an den Dreh bestimmter Szenen erinnert. Aber es ist kein Schwelgen in Erinnerungen, so einfach wollte ich es mir nicht machen. Wir haben den Originalfilm wirklich nur in besonderen Fällen herangezogen. Eines der Themen, von denen der Film handelt, ist die Tatsache, dass Männer viel eher dazu neigen, in der Vergangenheit zu leben. Nach meiner Erfahrung gehen Frauen mit dem Altern deutlich sensibler um, während sich Männer viel zu lange dagegen sträuben. Es ist tragisch, eigentlich. Ich hänge nicht an meiner Vergangenheit - zugleich bin ich mir bewusst, dass sie interessanter war - zumindest, was das Filmemachen angeht.


Kommentieren