Danny Boyle 2 - Über „T2“: „Jede Szene dreht sich um Männlichkeit“

Berlin (APA) - APA: Waren die vier Hauptdarsteller (Ewan McGregor als Renton, Ewen Bremner als Spud, Jonny Lee Miller als Sick Boy und Rober...

Berlin (APA) - APA: Waren die vier Hauptdarsteller (Ewan McGregor als Renton, Ewen Bremner als Spud, Jonny Lee Miller als Sick Boy und Robert Carlyle als Begbie) in die Entscheidung hinsichtlich der Entwicklung ihrer Charaktere involviert?

Danny Boyle: Wir haben ihnen früh eine präsentable Drehbuchfassung geschickt. Aber es war fast unmöglich, sie alle an einen Fleck zu bekommen. Schlussendlich ist es uns gelungen, drei von ihnen einige Monate vor den Dreharbeiten für eine erste Lesung zusammenzutrommeln. Alle bis auf Jonny waren dabei - und ihre Stimmen wieder zu hören war toll. Das hat John (Hodge, Drehbuchautor, Anm.) geholfen, das Drehbuch zu finalisieren. Insofern haben sie ihren Beitrag geleistet. Zugleich vertrauen sie mir und John mit Irvines Charakteren. Und am Set entwickelt sich das ganz organisch. Irgendjemandem fällt dann auf, wenn etwas in Bezug auf den ersten Film unstimmig ist, dann bessert man nach. Wir haben uns davon aber nicht allzu sehr leiten lassen, sondern hatten immer das Gefühl, dass es in die richtige Richtung geht.

APA: 20 Jahre, nachdem Renton seine besten Freunde um 16.000 Pfund gebracht hat, scheinen diese recht ziellos vor sich hin zu leben. Was setzt Rentons Rückkehr in seinen Heimatort Leith bei allen Beteiligten in Bewegung?

Boyle: In gewisser Weise ist der erste Film wie ein Artefakt - es ist fast so, als wüssten die Charaktere, dass es einen Film über sie gibt. Es ist seltsam, das zu sagen, aber sie sind Meta-Charaktere, sie sind überhöht und nicht realistisch wie in einem Ken-Loach-Film. Sie sind sich dessen bewusst, dass man sie beobachtet. Alle waren in einer Art Warteposition. Freilich hat niemand Renton seither gesehen, weil er in Amsterdam war. Aber auch die anderen Drei haben einander in dieser Zeit nicht getroffen: Niemand hat Begbie im Gefängnis besucht, Spud hat Sick Boy nicht um Geld für Drogen angehauen. Sobald Renton zurückkehrt, zündet diese chemische Katastrophe, die ihre Freundschaft mitsamt ihrer Freuden und Schrecken darstellt, wieder. Die Szenen, in denen sie sich zum ersten Mal wiedersehen, sind unglaublich - wenn Sick Boy erstmals auf Renton trifft und sich im Pub mit ihm prügelt, wenn Renton zu Spud kommt, als der gerade versucht, sich umzubringen, wenn Begbie Sick Boy im Pub aufsucht und sie sich auf die Brust trommeln oder als sich Renton vor Begbie auf der Toilette versteckt. Das sind hervorragende Szenen, die zeigen, dass alles auf diese Kollision wartet, die Renton in Gang setzt.

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APA: Nun erleben sowohl Hardcore-Fans als auch Neulinge, Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Stimmungen „T2“ in den Kinos. Was ist das eine verbindende Element, das sie alle im besten Falle von diesem Film mitnehmen?

Boyle: Es gab für mich einen entscheidenden Moment, als mir klar wurde, was dieses Element ist. Als wir den Film gedreht haben, haben wir kein einziges Mal über Männlichkeit gesprochen. Alle Diskussionen drehten sich darum, wie Zeit vergeht - davon sollte der Film handeln. Doch als ich im Schneideraum gesessen bin und gesehen habe, was der Cutter (Jon Harris, Anm.) innerhalb von drei Wochen zusammengestellt hat, habe ich erkannt: Jede Szene dreht sich um Männlichkeit. Da sind umherlaufende Kinder, die keinen Vater haben, oder von ihm in Stich gelassen wurden; Frauen, die enttäuscht von ihren Männern sind; Männer, die sich kontinuierlich benehmen, als seien sie jünger, als sie eigentlich sind - und Drogen nehmen, um das zu schaffen, nur ist es diesmal Viagra statt Heroin.

Es kreist konstant um Männlichkeit, um Entmannung: Renton kann keine Kinder bekommen, also denkt er sich welche aus; Begbie hat keine Erektion, also nimmt er Viagra; Sick Boy kann nicht mit Veronika schlafen, weil er sich sicher ist, dass sie einen netteren Kerl als ihn verdient. Also sind wir im Schnitt den Film als eine Art Reise vom Knaben- ins Mannesalter angegangen, in der Hoffnung, dass er sich genau so anfühlt. Wir docken an den ersten Film an, als sie noch unbekümmert und rücksichtslos waren, ihnen alles egal war, sie selbst inklusive - sie riskierten ihr Leben mit Drogen, Freunde starben. Und dann kommt das Erwachsensein und man kann sich nicht mehr so verhalten.

APA: Wie stehen Sie der Möglichkeit gegenüber, diese Reise fortzuführen? Robert Carlyle hat ja bereits sein Interesse bekundet, Irvine Welsh‘ Fortsetzungsroman „The Blade Artist“ über Begbie drehen zu wollen.

Boyle: Das ist zweifellos ein großartiger, sehr einzigartiger Roman in Irvines Werk, weil er sich um nur eine Figur dreht, während er sonst eine ganze Galerie an Charakteren hat. Er lässt einen nicht los und ist wie ein Film geschrieben. Wenn es realisiert wird, sollte man es nicht „T3“ nennen, denn das muss mit allen Vier zu tun haben. Ich bin mir sicher, dass es zustande kommt. Ich weiß nur noch nicht, ob ich involviert sein werde. Ich könnte mich nicht gleich darauf einlassen, denn es gibt dabei eine Gefahr, die wir immer vermieden haben - nämlich, eine schnelle Fortsetzung zu drehen, weil eine Popularität, ein Appetit da ist. Wir haben das schon beim ersten Film nicht gemacht und vom Warten profitiert.

(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA.)

(ZUR PERSON: Danny Boyle, am 20. Oktober 1956 im englischen Radcliffe geboren, gab sein Regiedebüt 1994 mit der schwarzen Komödie „Kleine Morde unter Freunden“, der er zwei Jahre später die Low-Budget-Produktion „Trainspotting“ folgen ließ. Der Film über den toxischen Lebensstil und die turbulente Freundschaft junger schottischer Drogensüchtiger avancierte zum Kult, prägte den Begriff „Cool Britannia“ mit und bescherte u.a. dem späteren „Star Wars“-Star Ewan McGregor den Durchbruch. Seither bewies sich Boyle erfolgreich in diversen Genres, schuf etwa mit „Steve Jobs“ großes Schauspielkino und mit „127 Hours“ Spannung pur. Sein Drama „Slumdog Millionär“ wurde 2009 mit acht Oscars ausgezeichnet, darunter dem Regiepreis. 2012 überzeugte er mit der Inszenierung der Eröffnung der Olympischen Spiele in London Kritiker und Zuseher.)

(S E R V I C E - www.t2trainspottingfilm.de)


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