Kämpfe im Donbass - Schützengräben wie im Ersten Weltkrieg

Kiew/Moskau (APA/Reuters) - Im dritten Winter der Kämpfe ähnelt die Front in der Ostukraine immer stärker Bildern aus dem Ersten Weltkrieg: ...

Kiew/Moskau (APA/Reuters) - Im dritten Winter der Kämpfe ähnelt die Front in der Ostukraine immer stärker Bildern aus dem Ersten Weltkrieg: Während die Zivilisten unter den Gefechten leiden, graben sich die Kämpfer tiefer und tiefer ein - in mehreren Linien aus Schützengräben, teils massiv mit Holz oder Beton verstärkt.

„Je weiter man in die Tiefe geht, umso stärker sind diese Positionen ausgebaut“, berichtet der stellvertretende Leiter der OSZE-Beobachtermission in der Ukraine, Alexander Hug, in Kiew. Noch weiter hinter der Front hätten die Kämpfer Stellungen vorbereitet, in die sie im Falle eines Durchbruchs des Gegners zurückfallen könnten.

Für Zivilisten sind vor allem die schweren Waffen eine tödliche Gefahr, die beide Seiten entgegen dem Minsker Abkommen noch immer nicht die vorgeschriebenen 15 Kilometer von der Front zurückgezogen haben: Die Kämpfe finden nach den Worten Hugs vor allem in bewohntem Gebiet oder in direkter Nähe dazu statt, allein seit Jahresbeginn seien dabei 16 Zivilisten getötet und weitere 60 verletzt worden. „Fast alle dieser Opfer wurden verletzt oder sind umgekommen durch Splitter, das heißt, durch den Einsatz von schweren Waffen“, sagt der Schweizer. Anders als die Soldaten in ihren Schützengräben seien die Zivilisten Splittern und Granaten ungeschützt ausgeliefert. „Die Splitter gehen durch Wohnungswände und Türen wie durch Butter hindurch, sie fliegen mit sehr hoher Geschwindigkeit.“

Derzeit verzeichnet die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) etwa 2.000 durch schwere Waffen ausgelöste Explosionen pro Tag in der Ostukraine, die seit 2014 von prorussischen Separatisten beherrscht wird. Ende Jänner eskalierte die Gewalt so stark wie lange nicht mehr, damals verdreifachte sich diese Zahl. Der Einsatz von schweren Mörsern, Panzern, Artillerie und Mehrfachraketenwerfern bedroht die Zivilbevölkerung aber nicht nur unmittelbar an Leib und Leben, er gefährdet durch Schäden an Gas-, Wasser- und Stromleitungen auch ihre Versorgung. Als Beispiel nennt Hug eine Wasserfilterstation im Niemandsland zwischen der von der Regierung kontrollierten Stadt Awdijiwka und dem Ort Jassinuwata, der in der Hand der Separatisten ist. Die Wasserstation liegt mit je 200 Metern Entfernung genau zwischen den gegnerischen Stellungen.

„Es benötigt nicht viel, um großen Schaden anzurichten“, sagt Hug. „Ein einziger Splitter einer einzigen Granate ist genug, um die Leitungen für die Stromversorgung in Awdijiwka zu unterbrechen. Das heißt, ein einziger Splitter kann Dunkelheit für 22.000 Menschen sofort herbeiführen.“ Die Wasserstation sei ebenso verletzlich und könne ebenfalls durch einen einzigen Splitter lahmgelegt werden: „Das bedeutet dann, dass bis zu einer halben Million Leute auf beiden Seiten der Linie kein sauberes Trinkwasser mehr zur Verfügung haben.“

Die Kämpfe spielen sich hauptsächlich an fünf Hotspots ab, wo sich die Gegner besonders dicht - teils auf nur zehn Meter Distanz - gegenüberstehen. Vor allem zwei Dinge könnten die Lage beruhigen, sagt Hug: Ein größerer Abstand könnte die Spannungen reduzieren, die sich immer wieder zu Gefechten hochschaukeln. Zugleich würde der Rückzug der schweren Waffen 15 Kilometer hinter die Front bedeuten, dass deren Geschosse den Gegner nicht mehr erreichen könnten. „Würden diese zwei Übel behandelt, dann wäre viel Ruhe und viel Stabilität herbeigeführt“, sagt Hug. Doch die Umsetzung des Minsker Abkommens ist in den vergangenen zwölf Monaten praktisch nicht vorangekommen. Wer öfter dagegen verstößt, die Regierungstruppen oder die Separatisten, will der OSZE-Vertreter nicht bewerten. „Beide verletzen die Minsker Vereinbarung“, erklärt er lediglich.

Rund 700 Beobachter hat die OSZE momentan in der Ukraine im Einsatz. Gut 600 Beobachter sind direkt im Osten des Landes vor Ort, wo sie die Augen und Ohren der internationalen Gemeinschaft zur Beurteilung der Lage dort sind. Doch die Patrouillen sind unbewaffnet, ihre Arbeit wird behindert, fast wöchentlich geraten sie unter Beschuss. Manche Länder haben deshalb eine Bewaffnung der Beobachter ins Gespräch gebracht. Bei seinem Besuch in Kiew plädierte der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel für eine Stärkung der OSZE-Beobachter - und hat Technik als Gastgeschenk im Gepäck: Drei Wärmebild-Kameras, mit denen sich Hotspots bei Tag und Nacht aus der Ferne beobachten lassen.

Mit mehr Aufklärung lasse sich auch Klarheit darüber schaffen, „wer verletzt eigentlich wann in welcher Weise den Waffenstillstand. Das finde ich etwas, was wir in den nächsten Tagen und Wochen weiter vorantreiben sollten“, sagt Gabriel. Wie genau dies geschehen soll, dazu äußert sich der Minister nicht. Ein Insider verweist aber auf Überlegungen, unter dem Schirm der OSZE eine Polizeimission einzurichten - die Beobachtung der knapp 500 Kilometer langen Front ähnele schließlich sehr den Aufgaben des Grenzschutzes anderswo.

Hier kommen auch die deutschen Hightech-Kameras ins Spiel. „Die Beobachter können (wegen der schlechten Sicherheitslage) nachts nicht raus, das geht nur mit Technik“, sagt der Experte, der die Lage gut kennt. Schon heute hat die OSZE Kameras an Hotspots wie dem Flughafen von Donezk oder in Awdijiwka installiert, von hohen Masten beobachten sie das Geschehen und senden ihre Daten per Funk an die OSZE. Doch bisher verfügen die Beobachter nur über eine gute Handvoll der teuren Geräte. Zudem legten die Konfliktparteien die Kameras manchmal lahm, indem sie die Übertragungsstationen auf dem Weg zur OSZE zerstörten, sagt der Insider. Die Beobachter kennen das Muster, auch ihre Drohnen der Beobachter werden immer wieder abgeschossen. Was die Kameras angeht, wird nach den Worten des Insiders nun darüber nachgedacht, die Daten künftig per Satellit zu schicken.

Hug setzt darauf, das die Konfliktparteien doch noch den politischen Willen aufbringen, ihre Verpflichtungen zu erfüllen. „Wir wissen, dass die Seiten es in den Händen haben, das Feuer zu kontrollieren“, berichtet er. Jeweils zum Schulanfang im September sei der Beschuss bereits mehrere Male praktisch komplett gestoppt worden, die Zahl der Verstöße gegen das Abkommen sei dabei von über tausend täglich über Nacht auf fast null gesunken: „Das zeigt eindeutig, dass man hier Kontrolle herbeiführen kann, wenn der Wille wirklich besteht.“


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