Maskerade mit Ablaufdatum

Drei Stücke von drei gefeierten Choreographen: Der sehenswerte Ballettabend „Ménage-à-Trois“ spannt im Großen Haus einen höchst anspruchsvollen Bogen.

In den Unterkleidern des Rokoko: Die Tanzcompany zeigt sich in „Sechs Tänze“ von ihrer hinreißend komischen Seite.
© Larl/TLT

Von Silvana Resch

Innsbruck –Was federleicht und dennoch mit äußerster technischer Präzision beginnt, endet in einem furiosen Show-down der entfesselten Kräfte: Von der fein gezeichneten, streng geometrischen „Suite für zwei Klaviere“ des 2004 verstorbenen Neoklassikers Uwe Scholz ist es freilich ein weiter Weg zur modernen, grenzüberschreitenden Choreographie „No Comment“ des Koreaners Chang Ho Shin, der darin die Schrecken des Krieges anschaulich macht.

Die frech-frivolen „Sechs Tänze“ zu Mozarts Musik von Jirí Kylián mittendrin leiten mit geistreichem Witz von einer Tanzwelt in die andere. Inhaltlich gibt es durchaus Anknüpfungspunkte, auch wenn sie sich auf den ersten Blick nicht gleich erschließen. Denn so hinreißend komisch die Hoffart und der Manierismus der alten Aristokratie hier auf die Schippe genommen werden, so ist doch eines gewiss: Die Maskerade des Lebens hat ein Ablaufdatum. Die meisterlich getanzte, herrlich versponnene Clownerie des gefeierten tschechischen Choreographen ist ein rasanter Ritt zwischen Pantomime, Breakdance-Anleihen und burleskem Ballett. Die Verrücktheiten des Genies Mozart, mit viel Liebreiz auf die Bühne gebracht, haben wohl auch mit dem Spannungsverhältnis zwischen der dekadenten Gesellschaft und seiner von Krisen und Kriegen geprägten Zeit zu tun. Die Nonsense-Lyrik des früh verstorbenen Komponisten schafft die nötige Distanz zum eröffnenden Stück „Suite für zwei Klaviere“ von Uwe Scholz.

Der 2004 früh verstorbene deutsche Choreograph hat Rachmaninows romantische Klavierklänge in fließende, der Schwerkraft trotzende Figuren übersetzt. So komplex Musik und Tanz, so reduziert die abstrakten Illustrationen von Wassily Kandinsky, die auf den Bühnenhintergrund projiziert werden. Eine reizvolle Korrespondenz zwischen Klang, Form und Pinselstrich tut sich da auf, die getanzte Geometrie ist ungemein fordernd, kommt aber mit scheinbar müheloser Eleganz daher.

Nicht nur Mozarts Zeit war von Krisen und Kriegen überschattet, das medial vermittelte alltägliche Grauen holt Chang Ho Shin, Gründungsmitglied des koreanischen Laboratory Dance Project, nach der Pause in seinem Stück „No Comment“ auf die Bühne. Benannt nach der unkommentierten Euronews-Nachrichtensendung zeigt er darin, was passiert, wenn der Wahnsinn von Krieg und Zerstörung über den Einzelnen hereinbricht. Im Zusammenspiel von zeitgenössischem Tanz, Akrobatik und Kampfsport-Elementen werden auf der Bühne ungeheure Kräfte frei. Von einfachem Rhythmus und Wiederholung getragen bildet „No Comment“ das energiegeladene Finale eines fulminanten Ballettabends.

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Enrique Gasa Valga, der in dieser Choreogaphie für den verletzten Joshua Costa eingesprungen ist, hat mit den drei Stücken einen raffinierten Bogen gespannt, der seine Tanzcompany im schnellen Wechsel von Stimmungen und Stilen glänzen lässt. Stehender Applaus für drei große Choreographen und die atemberaubende Ensembleleistung bei der Uraufführung am Samstagabend.


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