Messerscharfe Monstrosität: „Vor dem Ruhestand“ in Klagenfurt

Klagenfurt (APA) - Verstörend vertraut wirkt das Psychogramm der drei Geschwister in Thomas Bernhards „Vor dem Ruhestand“, das Regisseur Ces...

Klagenfurt (APA) - Verstörend vertraut wirkt das Psychogramm der drei Geschwister in Thomas Bernhards „Vor dem Ruhestand“, das Regisseur Cesare Lievi am Donnerstag im Stadttheater Klagenfurt im Plauderton auf die Bühne stemmte. Das Schwelgen in Nazi-Nostalgie hat in Zeiten von Pegida & Co. wenig mit historischer Aufarbeitung aber viel mit Warnung vor aktuellen Tendenzen zu tun.

Der Nebel verzieht sich, die Trümmer werden sichtbar, wenn sich der Vorhang zum stimmigen Bühnenbild von Maurizio Balo hebt: Schutthaufen im Wohnzimmer, zerbrochene Fensterscheiben, schief hängt ein Luster von der Decke. So als ob nichts wäre, plappert Vera beim Bügeln mit ihrer im Rollstuhl sitzenden Schwester Clara, die, verhärmt und verstummt, Socken stopft. Die gehören dem noch abwesenden Bruder Rudolf, Gerichtspräsident vor dem Ruhestand, einst hochrangiger SS-Offizier und Machtzentrum des Trios. Leichte Nervosität ist spürbar, steht doch das alljährliche heimliche Fest zu Himmlers Geburtstag bevor.

Man muss schon genau hinhören, um zwischen den Zeilen das Monströse, Ungeheuerliche in Bernhards messerscharf ziselierten Sätzen zu erkennen - so beiläufig, so gönnerhaft und selbstgewiss kommt es daher. Es ist ein „kaltes Totenhaus“, in dem die Macht-Spiele zwischen den einander inzestuös verbundenen Nazi-Geschwistern Rudolf und Vera und der an den Rollstuhl gefesselten Clara mit ihrem „linken Gedankengut“ ablaufen.

Stereotyp fallen immer wieder Sätze wie „Wir sind alle Opfer des Krieges“ oder „Ich habe kein schlechtes Gewissen“. Und im Laufe des schließlich festlich begangenen Abends bei geschlossenen Fensterläden und zunehmendem Alkoholkonsum eskaliert die Situation. Da sind die Trümmer aber schon weggeräumt, herrscht Ordnung und Biedersinn, ist der Esstisch geschmückt und die Gala-Uniform angelegt (Kostüme von Birgit Hutter).

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Dank der darstellerischen Leistung des exzellenten Schauspiel-Trios bleibt das nach der Pause etwas gelichtete Publikum konzentriert, trotz mancher Länge im Stück. Cornelia Köndgen als Clara stehen Ekel und Widerwillen ins Gesicht geschrieben, wenn sie mit herabgezogenen Mundwinkeln und leerem Blick zwischen Hass auf die Geschwister und Hoffnung, nicht ins Heim abgeschoben zu werden, schwankt. Irene Kuglers Vera mit BDM-Frisur und hektischer Betulichkeit verkörpert den Humus, auf dem totalitär-faschistische Systeme wachsen können mit grausamer Konsequenz. Hörigkeit, Selbstverleugnung und Realitätsverweigerung binden sie an ihren Bruder Rudolf, den Michael Prelle stimmgewaltig und wehleidig darstellt. Wie Regisseur Cesare Lievi die erotische Spannung zwischen den beiden wachsen lässt, ist ein fein kalkulierter Kontrast zur Gefühls- und Geisteskälte, die sie gegenüber ihrer behinderten Schwester ausstrahlen.

Kalt wird es auch dem Zuseher, wenn es schließlich heißt: „Irgendetwas zieht sich zusammen, ganz in unserem Sinne (. . .) Es wird nicht lange dauern, bis wir offen bekennen können, wer wir sind.“ Thomas Bernhards „Komödie von deutscher Seele“, so der Untertitel des Stückes, wurde 1979 in Stuttgart uraufgeführt.

(S E R V I C E - „Vor dem Ruhestand. Eine Komödie von deutscher Seele“ von Thomas Bernhard, Stadttheater Klagenfurt, Regie: Cesare Lievi, Bühne: Maurizio Balo, Kostüme: Birgit Hutter, Licht: Cesare Agoni, Dramaturgie: Sylvia Brandl. Mit: Michael Prelle - Rudolf Höller, Cornelia Köndgen - Clara, Irene Kugler - Vera. Weitere Aufführungen: 4., 7., 9., 12., 15., 18., 22., 24., 31. März, jeweils 19.30 Uhr. http://go.apa.at/TzIKKOag)


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