„Nichts für kleine Jungs“

Der Comiczeichner Will Eisner prägte die Gattungsbezeichnung „Graphic Novel“. Heute jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal.

Will Eisner starb am 3. Jänner 2005.
© Will Eisner Estate

Innsbruck –„Dies ist keine Geschichte für kleine Jungs.“ So leitete Will Eisner einen am 6. Oktober 1946 erschienenen Cartoon seines Superhelden „The Spirit“ ein. Eine Provokation. Genauso wie Eisners „Splash Pages“, die Titelblätter seiner Comics. Redakteure forderten markenbewusste Uniformität, Eisner lieferte immer andere, mitunter verblüffend selbstreferentielle Wege, um Ort und Zeit der Handlung zu etablieren.

Keine Kindergeschichte war das eingangs erwähnte „Spirit“-Abenteuer übrigens wegen der verruchten Schönheit P’Gell, die darin erstmals auftritt: die erste Femme fatale der Comicgeschichte. Leinwandgöttin Lauren Bacall soll Eisner zu der Figur inspiriert haben. Überhaupt: Ohne das Kino, ohne den Film Noir, ließe sich Eisners Werk kaum denken. Auch der Comicpionier verpackte tiefschürfende, bisweilen beinahe existenzialistische Gedankenspiele in die Konventionen einer Genreerzählung. Später freilich sollte Eisner junge Filmemacher beeinflussen: Sein Spiel mit Licht und Schatten hätten ihn mehr geprägt als das Studium von Filmen, sagte William Friedkin, Regisseur von „Der Exorzist“, einmal.

„The Spirit“ entwickelte Will Eisner um 1940. Da war er gerade einmal 33 Jahre alt. Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erschien die Reihe in zwanzig Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von fünf Millionen Exemplaren. 1950 übergab Eisner „The Spirit“ anderen Zeichnern, behielt allerdings im Gegensatz zu den glücklosen Schöpfern von „Superman“ die Rechte an seinen Figuren. Mit der Einführung des Comic-Codes – einer Form von Selbstzensur durch die Verlage, die dadurch auf den Vorwurf der „Jugendgefährdung“ reagierten – verstummte Eisner. Erst in den späten 1960er-Jahren, als Autoren und Zeichner wie Robert Crumb sich aufmachten, den Bildergeschichten die Faxen auszutreiben – und der Comic in Frankreich als „neuvième art“, als „neunte Kunst“, gefeiert wurde, wurde Eisners Engagement für den Comic als Erzählkunstwerk wiederentdeckt. Und Eisner begann an neuen Werken zu arbeiten: 1978 publizierte er „Ein Vertrag mit Gott“, sein Opus Magnum, die erste „graphic novel“ der Literaturgeschichte. Barry Jenkins, jüngst für „Moonlight“ mit dem Oscar für den Besten Film ausgezeichnet, arbeitet derzeit an einer Verfilmung der in der Bronx der 1930er-Jahre angesiedelten Geschichten, die nun tatsächlich nichts mehr für kleine Jungs sind.

Bis zu seinem Tod im Jahr 2005 wurde Will Eisner, der am 6. März 1917, also heute vor 100 Jahren, in Brooklyn, New York, geboren wurde, als Wegbereiter ambitionierter Text-Bild-Kunst gefeiert. Seit 1988 wird alljährlich der Will-Eisner-Award vergeben, der schnell zum wichtigsten Cartoonisten-Preis der Vereinigten Staaten wurde.

Eisner selbst widmete sich in seinen letzten Lebensjahren dem Kampf gegen den Antisemitismus. Seine besten Werke mögen „Ich bin Fagin“ (2003) und „Das Komplott“ (2005) nicht mehr sein – sie scheitern an der eigenen guten Absicht. Aber Will Eisners großes Anliegen unterstreicht auch sein Alterswerk: Der Comic verdient es, ernst genommen zu werden. (jole)

Eisners neue Maßstäbe setzende Graphic Novel „Ein Vertrag mit Gott“ ist beim Carlsen-Verlag erschienen.
© Eisner/Carlsen-Verlag

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