„Wir leben zwischen zwei Welten“
Der iranische Theatermacher Amir Reza Koohestani spricht mit der TT über Zensurmethoden, Heimatbegriffe und einen Clown namens Trump.
Von Christiane Fasching
Hall –„Ich hasse Theater.“ Dass dieses Zitat aus dem Mund von Amir Reza Koohestani stammt, ist erstaunlich – schließlich gilt der 1978 geborene Iraner seit Jahren als einer der bedeutendsten Theatermacher seines Landes, dessen Regie-Handschrift längst auch außerhalb des Irans gefragt ist. Das Bühnenaversions-Outing geht jedoch auf eine Zeit zurück, als der Sohn einer Ingenieurs-Familie noch nicht in die Theaterwelt eingetaucht war. Der 17-jährige Koohestani hatte gerade die Schule abgeschlossen und einen Sommerkurs für Film belegt, als ihn ein Kommilitone fragte, ob er ihn zu einem Abend seiner Theatergruppe begleiten wolle. Seine unwirsche Antwort begründet Koohestani heute so: „Ich fand es komisch, wie künstlich sich Schauspieler auf der Bühne bewegten. Das wirkte so unnatürlich.“
Trotzdem ließ er sich zu dem Probenbesuch überreden, der zu einem Schlüsselerlebnis werden sollte. „Ich weiß noch, wie begeistert ich von der Atmosphäre war. Jeder ging freundlich und offen mit seinem Gegenüber um, ich wollte sofort Teil dieser Gruppe werden“, sagt der 38-Jährige, der kurz darauf die „Mehr Theatre Group“ gründete, die für ihre modernen Regie-Methoden und das Verweben von theatralen und filmischen Gestaltungsmitteln zahlreiche Preise einheimste. Am Samstag wird die Truppe erstmals in Tirol zu Gast sein und im Zuge des Osterfestivals das Stück „Hearing“ als österreichische Erstaufführung zeigen – allerdings ohne Koohestani. Der feilt am Staatstheater Darmstadt nämlich gerade an seiner ersten Opern-Regie: Seine Interpretation von Richard Wagners „Tannhäuser“ wird am 22. April über die Bühne gehen. Sozusagen als Selbstsuche. „Tannhäuser und ich haben etwas gemeinsam: Wir leben zwischen zwei Welten. Während er zwischen Wartburg und Venusberg hin- und hergerissen ist, pendle ich zwischen dem Iran und Europa.“ Sieht sich Koohestani als moderner Tannhäuser? „Sagen wir es so: Ich suche in jeder Produktion einen Teil von mir, sogar in einem deutschen Mythos aus dem 13. Jahrhundert“, sagt er lachend. Und verrät, dass die Wartburg-Bewohner in orientalische Gewänder gehüllt werden – als Reminiszenz an Koohestanis Heimat, die er nie ganz verlassen wollte. „Immer wenn ich in Europa bin, sehne ich mich in den Iran zurück: Ich vermisse aber nicht die Regierung, sondern die Menschen, weil sie meine Heimat ausmachen.“
Trotzdem stellt sich die Frage, wie es aktuell um die künstlerische Freiheit im Iran bestellt ist. Koohestani holt aus und erzählt von einem „Evaluierungs-Komitee“, das unter Mahmud Ahmadinejad, der bis 2013 an der Macht war, über finanzielle Zuschüsse für Theaterproduktion entschied – dass hinter diesem Komitee eine Zensurbehörde steckte, lag auf der Hand, wurde aber totgeschwiegen. „Irgendwann wurden diese Mittel dann aber gestrichen: Für uns Theatermacher war das sogar von Vorteil war, weil wir mehr künstlerische Freiheit bekamen“, sagt Koohestani – und erklärt, dass sich Produktionen in der Folge aus den Karteneinnahmen finanzieren mussten. „Als wir die Ticketpreise massiv erhöhten, war das Publikum auf unserer Seite. Die Zuschauer haben verstanden, dass wir auf ihre Unterstützung angewiesen sind.“ Das Theater habe dadurch einen enormen Popularitätsschub bekommen, immer mehr Produktionen schossen aus dem Boden. „Das Komitee hatte einerseits seine Macht verloren, weil es keine Gelder mehr vergab, andererseits konnte es die Flut an Stücken gar nicht mehr kontrollieren“, sagt Koohestani.
Wie sich Unterdrückungs-Mechanismen auf eine Gesellschaft auswirken, verhandelt sein Stück „Hearing“: Dabei flammt das Gerücht eines verbotenen Männerbesuchs in einem Wohnheim für Studentinnen auf, Verdächtige und Zeugen werden einem Verhör unterzogen, die Zuschauer mutieren zu Geschworenen. Für Koohestani steht allerdings nicht der vermeintlich konkrete Vorfall im Vordergrund, sondern die abstrakten Folgen. „In Europa wurde das Stück oft als dokumentarisches Informationstheater verstanden, im Iran haben sich die Zuschauer mehr auf die Abstraktion eingelassen“, sagt der Theatermacher. Und hält inne. „Aber ich will jetzt keine Mauer zwischen den Zuschauern aufziehen. Ich bin ja nicht Donald Trump.“ Sagt’s und schimpft auf den Einreisebann für Muslime, den er für „unvernünftig und diskriminierend“ hält. „Trump ist der dümmste Clown der Politwelt: Und vielleicht ist es besser, ihn nicht ernst zu nehmen, sondern ihn auszulachen.“
Kommentare