Die Leidensgeschichte Christi als Chronik eines Justizverbrechens

Der verstorbene Innsbrucker Altbischof Reinhold Stecher widmete sich in nun veröffentlichten Texten dem Leiden und Sterben Jesu.

Bild von Altbischof Stecher: Der See Genezareth vor dem Hermon-Gebirge
© Tyrolia

Innsbruck – Der See Genezareth vor dem Hermon-Gebirge und der Tempelberg in Jerusalem: zwei Bilder von Reinhold Stecher, die nun in dem Buch „Wer ist dieser Mensch?“ veröffentlicht wurden. Darin widmet sich der 2013 verstorbene Innsbrucker Altbischof dem Leiden und Sterben Jesu – und zwar „nicht so sehr der frommen Einbildungskraft folgend, sondern nüchtern, verständlich und berührend die damaligen Geschehnisse darstellend“:

Hörbuch mit Beiträgen für Radio Vatikan mit Barockmusik, gespielt von Christian Ladurner
© Tyolia

„Wie ein Kriminalroman“ werde der Strafprozess dargestellt – „die Chronik eines Justizverbrechens“, sagt Tyrolia-Verlagsleiter und Stecher-Kenner Gottfried Kompatscher. Als Autor von 17 Büchern mit einer Auflage von 730.000 Stück sei Stecher auch nach seinem Tod einer der „erfolgreichsten Autoren unserer Zeit“.

Der Altbischof, der gerne Gleichnisse aus seinem Leben erzählte, widmete sich als Bibeltheologe dem realen Unrecht – was damals wirklich passiert ist. Grundstock für das Buch waren Texte, die Stecher für Radio Vatikan gelesen hat und die nun als Hörbuch erschienen. (ms)

Textbeispiel: Die Blitze in der Nacht des Karfreitags

Mit der Nacht, die sich über Golgatha senkt, sind wir im tiefsten Dunkel der Heilsgeschichte angekommen. Hier ballen sich Hass und Hetze, Brutalität und Unmenschlichkeit, Entsetzen und versteinerter Schmerz um diesen einsamen Galgen des Kreuzes, dessen Realität ja viel schlimmer war, als es die beschönigenden Bilder der christlichen Kunst darzustellen versuchen.

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Aber ich möchte bei dieser Karfreitagsbetrachtung nicht einfach in der lähmenden Stunde der Finsternis bleiben. Wenn man genauer hinsieht, sieht man durch diese Nacht des Grauens helle Blitze wie ein frühes österliches Wetterleuchten zucken. Und diesen Lichtern im Wolkendunkel wollen wir ein wenig nachgehen.

... Der erste Blitz trifft einen Mann des reichen Establishments von Jerusalem. Wir können gar nicht ermessen, was der Entschluss, Jesus ein Ehrengrab zu schenken, für Joseph von Arimathäa bedeutet hat. Gekreuzigte wurden sonst auf die Abfallhaufen geworfen, sie waren in den Augen der damaligen Welt nicht nur physisch, sondern auch moralisch erledigt.

... Der zweite Blitzstrahl trifft den pharisäischen Schriftgelehrten Nikodemus, der im Geheimen ein Sympathisant Jesu war. Beim Sterben Jesu aber wirft er alle Hemmungen ab. (Etablierte Intellektuelle neigen oft zu einer gewissen Zaghaftigkeit.) Er ist einmal im Schutz der Nacht zu Jesus gekommen, um mit ihm zu sprechen. In der Nacht des Karfreitags aber bekennt er sich offen.

... Der dritte Strahl der Gnade trifft einen aus der Soldateska, den Centurio. Er hat schon viele Hinrichtungen erlebt, und immer war es so, dass die gequälten Verurteilten bis zum letzten Atemzug ihre Peiniger verfluchten. Der Fluch galt als letzte magische Waffe. Aber er hatte noch nie erlebt, dass ein Gekreuzigter betete „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Textbeispiel: Die österliche Melodie

Wir haben gesehen, dass Jesus auf der einen Seite ganz Mensch ist, bis in das tiefste seelische Leid hinein, und dass auf der anderen Seite in ihm immer wieder eine unglaubliche Würde und Souveränität aufstrahlt, ein Anspruch auf göttliche Hoheit und Herrlichkeit. Nicht nur durch seine Heilungen und Taten, seine Worte und Lehren geht dieses österliche Strahlen, sondern eben auch die äußerste Wehrlosigkeit und Todesnot.

Und so treten wir jetzt in den Ostermorgen ein. Er ist der entscheidende Durchbruch, die letzte Bestätigung, der unverhüllte Sieg dieses Jesus Christus, in dem sich Gott uns zugewandt und geoffenbart hat.

... Um Ostern dürften wir als Christen das Sprichwort wagen, dass „der Himmel voller Geigen hängt“. Es geht ein Singen über die Erde und das Universum. Und vielleicht sollten wir versuchen, die Grundmelodie herauszuhören, die der Unendliche in seiner Schöpfung spielt, manchmal deutlicher, manchmal für unser menschliches Ohr in rätselvollen, fast schmerzenden Dissonanzen, die aber dann doch wieder in strahlendes Finale münden wie die Neunte von Beethoven.

Das neue Buch mit Texten von Altbischof Reinhold Stecher, Herausgegeben von Paul Ladurner Tyrolia-Verlag Innsbruck ISBN 978-3-7022-3510-9

... Ich habe diese wunderbare Melodie einst in einem Augenblick gehört, in dem der Himmel nicht voller Geigen hing. Ich war in der Einzelhaft der Gestapo, neunzehn Jahre alt, und hatte eben erfahren, dass ich am nächsten Tag ins Konzentrationslager kommen sollte, weil man mir vorwarf, bei der Organisation einer Wallfahrt mitgewirkt zu haben. Ich habe gewusst, was das KZ bedeutet. Wir haben uns keine Illusionen über die Möglichkeit einer Rückkehr gemacht.

Das also hat der sich offenbarende Gott in diese seine Schöpfung hineinkomponiert, in vielen Strophen und Variationen, manchmal piano, manchmal fortissimo. Und mir hat er diese Melodie einmal durch einen frechen Lausbuben ins Gestapogefängnis pfeifen lassen:

„Stark wie der Tod ist die Liebe, ihr Licht ist wie Leuchten des Feuers, das können die Wasser nicht löschen und die Ströme nicht überfluten.“

Bild von Altbischof Stecher: Der Tempelberg in Jerusalem
© Tyrolia

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