Die Türkei hält die Luft an: „Wenigstens ist der Stress vorbei“
Gespannt warten die Türken auf die ersten Hochrechnungen nach dem Referendum. Der Wahlkampf ist nicht spurlos an dem Land vorüber gegangen.
Veronika Hartmann/APA
Ankara – Es war ein ungleicher Wahlkampf, den die Türkei im Vorfeld des Verfassungsreferendums geführt hat und am Samstag um 18.00 Uhr hat er sein Ende gefunden. Danach begannen offiziell die Wahlverbote: Keine Reden mehr, die Riesenposter, Flaggen und Wimpel müssen auch bis zum Wahlmorgen verschwinden.
Am Tag der Wahl ist das Tragen von Waffen verboten und der Verkauf und Ausschank von Alkohol. Es herrscht Berichterstattungsverbot.
In Istanbul halten die Bürgerinnen und Bürger den Atem an, bis am Sonntagabend ab 18 Uhr das Verbot geliftet wird und möglicherweise die ersten Hochrechnungen gezeigt werden.
Eine gespaltene Gesellschaft
Der Wahlkampf hat die Gesellschaft polarisiert. Selbst am Vorabend wagt niemand eine Prognose zu treffen. Im Hinterzimmer eines kleinen Buchladens sitzt die Kundschaft zusammen und versucht, bei einem Glas Whisky den Stress abzubauen. Die meisten werden wohl morgen mit Nein stimmen, aber es gibt auch überzeugte Jasager: „Ich bin es leid, diese labile Wirtschaftslage“, erklärt ein Geschäftsmann. Nicht ohne zu betonen, dass seine Frau für „Nein“ stimmen wird. Einig ist man sich in dem Laden allerdings darüber, dass es gut ist, wenn der Spuk ein Ende findet – welches auch immer.
Niemand möchte eine Prognose treffen. Neinsager hoffen auf ein Ja, Jasager auf ein Nein. „Morgen werden wir trinken“, sagt ein Pärchen im Buchladen. „Entweder aus Frust oder aus Freude“.
„Ich habe nicht gewusst, wie polarisiert die Gesellschaft tatsächlich ist“, erzählt ein anderer und weist damit darauf hin, wie weit entfernt die beiden Lager voneinander sind: Wer für ein Ja stimmt, wünscht sich einen starken Staat mit einem starken Führer. Wer für ein Nein ist, hofft auf eine demokratische Gesellschaft, die pluralistisch ist und zukunftsgewandt. Beides gleichzeitig ist unmöglich.
Keine Fehler der Türkei
„Amerika spielt schmutzige Spiele mit uns, die EU auch“, kann man hören. In der Türkei glaubt man nicht, dass das Land die Hausaufgaben nicht erledigt hat, um in die EU zu kommen, sondern dass eine Art Mastermind – wieder die USA oder Europa – im Verborgenen die Strippen zieht.
Wenn die Menschen in der Türkei abgestimmt haben, ob sie lieber durch einen parlamentarische oder eine präsidiale Demokratie regiert werden möchten, geht es vor allem um die Frage des Lebensstils und des Images: Gehören wir zu Europa oder in den Mittleren Osten ist die Frage.
Gleichzeitig fragen sich viele Menschen im Land auch: Müssen wir diese Entscheidung wirklich jetzt fällen? Während der Ausnahmezustand ausgerufen ist, Abgeordnete inhaftiert sind und der Opposition die Hände gebunden sind?
Blicke richten sich auf Zeit nach dem Referendum
„Wenigstens ist es morgen vorbei“, sagten die Menschen Samstagabend im Buchladen – egal für was sie stimmen. Dabei ist der gesellschaftlich Frieden tiefgreifend in Gefahr.
Fanatische Anhänger des Nein oder des Ja konnte man auch am Vorabend des Referendums finden. Allerdings hat ein Großteil der Bevölkerung bereits erkannt, dass es auch ein Morgen nach dem Referendum gibt. Der Samstagabend war bereits der erste Versuch den gesellschaftlichen Frieden wieder herzustellen: Nachdem das Wahlkampfverbot eingesetzt hatte und die Reden der Politiker verstummt waren, versuchten die Menschen nur noch Einheit zu gewinnen.
Hoffentlich nicht nur beim Whiskey im Buchladen, sondern türkeiweit.
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