Wenn Götter mit Göttern streiten: „American Gods“ startet bei Amazon

Wien (APA) - Wer behauptet, Götter verstehen keinen Spaß, der irrt. Zudem trinken sie auch recht gern, und wenn der Wetteinsatz stimmt, sind...

Wien (APA) - Wer behauptet, Götter verstehen keinen Spaß, der irrt. Zudem trinken sie auch recht gern, und wenn der Wetteinsatz stimmt, sind sie schnell mit von der Partie. Glauben Sie nicht? Dann sollten Sie sich „American Gods“ zu Gemüte führen: Die auf Neil Gaimans gleichnamigem Roman basierende Serie (ab 1. Mai bei Amazon) entführt in eine allzu bekannte Welt, bevölkert von höchst unwahrscheinlichen Wesen.

Im Kern dreht sich alles um Macht: Die einen haben sie, die anderen wollen sie. Und um sein Ziel zu erreichen, ist einem Gott offenbar jedes Mittel recht. Das muss Shadow Moon (Ricky Whittle), frisch entlassener Häftling und verhinderter Casino-Räuber, am eigenen Leib erfahren. Nachdem ihn die Nachricht über den Tod seiner Frau Laura (Emily Browning) erreicht, die bei einem Verkehrsunfall mit seinem besten Freund - und zu allem Überfluss in höchst verfänglicher Position - ums Leben kam, driftet der bullige Mann mit stoischer Miene durch einen Alltag, der ihm fremd geworden ist. Bis er Mr. Wednesday (Ian McShane) trifft.

Es ist eine höchst eigenwillige Konstruktion, die Gaiman auch im Roman nutzt, um seine beiden Hauptcharaktere zusammenzuführen. Und natürlich geht hier nichts mit rechten Dingen zu, das verrät schon ein Blick ins funkelnde Glasauge des neuen Arbeitgebers, der Shadow als eine Mischung aus Leibwächter und Chauffeur anheuert. Gemeinsam macht man sich auf einen Roadtrip durch die USA, der nicht nur landschaftliche Finessen und touristische Highlights offeriert, sondern zu einer Mission wird: Schließlich gilt es, die alten Götter aufzustacheln.

Die „American Gods“, die von den Serienentwicklern Bryan Fuller and Michael Green aus Gaimans Vorlage nun in eine bildhafte Umsetzung gehoben wurden, sind viele und facettenreich. Wednesday, den McShane ziemlich durchtrieben gibt, ist unschwer als Odin zu erkennen, dem sein Platz im Abseits so gar nicht schmeckt. Denn die Zeiten haben sich geändert: Fernsehen und Unterhaltungsmedien, der technologische Fortschritt, die Finanzindustrie - sie sind die Götter von heute, sie haben Einfluss und entfalten Wirkung, wo sie nur können. Wer denkt da noch an Anubis oder Loki, an Fruchtbarkeitsgöttinnen oder blutdurstige Racheengel?

Wie Gaiman, der bei der Serie auch als ausführender Produzent mit an Bord ist, seine neuen und alten Götter aufeinandertreffen lässt und in (glücklicherweise erhalten gebliebenen) Nebensträngen deren Entstehungs- bzw. Einwanderungsgeschichten in die USA erzählt, ist kaum zu schlagen. Es ist auch seinem Gespür für Ironie und Witz zu verdanken, dass diese testosterongeschwängerte Welt nicht zu stark in Plattitüden und Machismus abdriftet. Denn ein Mangel an Sex und Blut kann zu keinem Moment attestiert werden. In „American Gods“ ist alles überlebensgroß.

Und ganz ehrlich: Das ist auch gut so. Ohne die extreme Überzeichnung, die Regisseur David Slade („Hard Candy“) beispielsweise der Pilotfolge verpasst, wäre das nötige Gefälle für die eigentliche Erzählung kaum zu erreichen. Die einzelnen Szenen, sie wirken wie kleine Theaterminiaturen, jeweils ausgestattet mit eigener Optik, Farbgebung und musikalischer Stimmung, bevor Zwischenschnitte in das nächste Kapitel überführen. Auch und gerade die Zeit, die sich die Macher dabei immer wieder zugestehen, macht aus „American Gods“ nicht das schnell konsumierbare Vergnügen, sondern durchaus eine Herausforderung, auf die man sich einlassen muss.

Dann funktioniert es allerdings hervorragend. Selbst Kenner der Vorlage sollten in diesen acht Episoden Abschnitte vorfinden, die Neues zu bieten haben bzw. Schwerpunkte anders setzen. Zudem hat Gaiman extra für die Serie eine neue Figur eingeführt. Am Ende bleibt es aber natürlich die Geschichte von Shadow, der zwischen die Fronten gerät, der sich im Kampf geltungssüchtiger Götter von einst und jetzt behaupten muss und dessen Liebesgeschichte - so viel sei verraten - mit dem Ableben seiner Frau keineswegs ein Ende gefunden hat. Der Cast um Whittle (darunter auch bekannte Namen wie Crispin Glover, Gillian Anderson oder Peter Stormare) agiert solide bis überzeugend, wird aber teils von all dem Bombast erdrückt. Aber so ist das nun mal, wenn man sich mit Göttern anlegt - selbst wenn es unfreiwillig geschieht.

(S E R V I C E - www.starz.com/series/americangods; www.amazon.at)


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