Sprache bringt die Welt zur Welt

Eine internationale Tagung widmet sich ab heute Ernst von Glasersfelds Werk.

Ein unkonventioneller Denker: Ernst von Glasersfeld (1917–2010).Foto: Folio

Innsbruck –Haben konstruktivistische Denker, die davon ausgehen, dass es keine letztgültigen Wahrheiten gibt, den Populisten dieser Tage den Weg bereitet? Sind frei flottierende „Alternativ-Fakten“ das Resultat erkenntnistheoretischer Kopfgeburten? Schließlich gilt: Wenn Wahrheit ein Konstrukt ist, was unterscheidet sie dann von „Fake News“? Rächt sich die Realität in „postfaktischen“ Zeiten an der Philosophie, indem sie sie beim Wort nimmt?

Zugegeben: Diese Fragen sind polemisch. Und sie schießen wohl auch über das Ziel hinaus. Sie machen aber auch deutlich: Radikal-konstruktivistische Überlegungen sind kein rein akademisches Schattenboxen, sondern eine Möglichkeit, sich ganz welthaltigen Fragen zu nähern. Der im besten Sinne unkonventionelle Denker Ernst von Glaserfeld gilt – zusammen mit dem Physiker Heinz von Förster und dem Psychologen Paul Watzlawick – gemeinhin als Begründer des Radikalen Konstruktivismus, der – vereinfacht gesprochen – davon ausgeht, dass alles Wissen über die vermeintliche Wirklichkeit auf subjektiver Erfahrung basiert, wobei „jede Sprache eine andere begriffliche Welt bedeutet“.

Von Glasersfeld entwickelte seine Theorien nicht am Schreibtisch, sondern ging – wie könnte es anders sein – von gemachten Erfahrungen aus: Der Sohn eines österreichischen Diplomatenehepaares wuchs mehrsprachig auf. Er verbrachte seine Kindheit in Prag und Meran, besuchte ein Internat in der französischen Schweiz, lebte während des Zweiten Weltkriegs in Irland, später erneut in Meran und ab 1966 in den Vereinigten Staaten, wo er 2010, vielfach ausgezeichnet, starb.

Sein Nachlass liegt an der Universität Innsbruck, wo 2012 das Glasersfeld-Archiv, als Abteilung des Brenner-Archivs, eröffnet wurde.

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Zu seinem 100. Geburtstag – von Glasersfeld wurde am 8. März 1917 in München geboren – findet dort ab heute eine dreitägige international besetzte und interdisziplinär ausgerichtete Konferenz statt, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Radikalen Konstruktivismus verhandeln soll. (jole)

Infos: www.evg2017.net


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