Prozess nach tödlicher Kuhattacke: „Kann nicht alles einzäunen“

Nach der tödlichen Kuhattacke auf eine Urlauberin im Pinnistal klagen Hinterbliebene den Bauern auf 359.905 Euro Schadenersatz. Dieser zeigt sich darüber fassungslos.

Der angeklagte Landwirt mit seinem Anwalt sowie ein Vertreter der Seilbahnen und ein Anwalt am Landesgericht.
© TT/Thomas Böhm

Von Reinhard Fellner

Innsbruck, Bad Dürkheim – Österreichs Land- und Freizeitwirtschaft schaut derzeit auf eine Klage, die gestern erstmals am Innsbrucker Landesgericht verhandelt wurde. Nach der tödlichen Kuhattacke vom Pinnistal im Sommer 2014 klagen nun die Hinterbliebenen der verstorbenen Deutschen einen Stubaitaler Bauern als Tierhalter auf exakt 359.905 Euro.

Der Witwer und dessen Sohn begründen den Klagsbetrag mit Begräbniskosten und sonstigen Aufwendungen, Schmerzensgeld aus Trauer- sowie Schockschaden und Unterhaltsentgang.

Laut deren Rechtsvertreter, dem Klagenfurter Anwalt Michael Hirm, geht es den Klägern jedoch nicht nur ums Geld. Hirm zur TT: „Der ganze Fall wurde von der Staatsanwaltschaft damals vorschnell eingestellt. Für Witwer und Sohn ist die zivilrechtliche Aufarbeitung nun die einzige Möglichkeit, um die Verantwortung für das tödliche Unglück zu klären.“ So vertreten die Deutschen zu Sorgfaltspflichten von Tierhaltern eine ganz andere Meinung als die Anklagebehörde.

Diese hatte ja damals die Ermittlungen mangels Verschulden eingestellt, da der Bauer schon vor dem Vorfall im Nahebereich der Tiere mehrsprachige Schilder angebracht hatte, dass es sich auf der Weide um Mutterkühe handeln würde und somit Abstand zu halten wäre. Auch hatte die Staatsanwaltschaft keinen Hinweis gefunden, dass sich die Tiere schon früher gegen Wanderer aggressiv gezeigt hätten. Die Kläger brachten gestern vor Gericht jedoch vor, dass der Pinnisweg durch sein hohes Fahrzeugaufkommen erst einmal gar kein normaler Wanderweg sei. Vielmehr handle es sich um einen öffentlichen Gemeindeweg nach dem Tiroler Straßengesetz. Trotzdem sei der Weg nicht wie vorgeschrieben abgezäunt und überlasse der Landwirt die Mutterkühe faktisch sich selbst – obwohl ja jedem Bauern das erhöhte Aggressionspotenzial von Mutterkühen bekannt sein müsste. Schon ein einfacher Weidezaun hätte demnach bereits genügt, um den Unfall zu verhindern. Eine Absicherungsmaßnahme, die als jedenfalls zumutbar eingeschätzt wird. Dies zeige sich schon deshalb, da der Tourismusverband nach dem Vorfall an der Unfallstelle einen Weidezaun entlang des Pinnisweges errichtet hätte.

Zu haften habe der Bauer nunmehr deshalb, da er dem erhöhten Gefährdungspotenzial von Mutterkühen in keiner Weise Rechnung getragen habe.

Anwalt Ewald Jenewein arbeitete darauf für seinen Mandanten heraus, dass sich die Frequenz am Pinnisweg doch eher in Grenzen halte. So handle es sich gerade einmal um sechs Fahrzeuge von Almen, eines Wirts und eines zur Benutzung berechtigten Taxiunternehmens. Frühmorgens würde manchmal noch ein Jagdpächter einfahren. Der Landwirt als Zeuge: „Dann ist es mit dem Verkehr schon zu Ende.“ Von einer hohen Verkehrsfrequenz und damit verbundenen Verpflichtungen könne so auf dem Fahrverbotsweg nicht die Rede sein. Auch sonst sei das Einzäunen von solchen Weiden undenkbar. Im Gespräch mit der TT äußerte der Landwirt, dass im Pinnistal schon seit dem 16. Jahrhundert Weideflächen bestünden. „Ich kann das doch nicht alles einzäunen. Das wären ja 18 Kilometer. Der Boden ist hart und vor dem Winter muss das alles wieder raus. Wer sollte das alles je bezahlen?“, so der Landwirt zum Richter.

Für Zeugen und Fachgutachten wurde auf 2. Oktober vertagt. Auch Vergleichsgespräche wurden vorerst nicht kategorisch ausgeschlossen.


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