Golden Roof Meeting

Klischina im Interview: „Doping ist kein Russland-Problem“

Ob auf der Innsbrucker Seegrube ...
© Julia Hammerle

Die TT begleitete die russische Weitspringerin Darja Klischina auf die Seegrube. Bevor die 26-Jährige am Freitag unter neutraler Flagge bei der „Golden Roof Challenge“ antritt, sprach sie über sich, Spirit und Entbehrungen.

Sie lernen Innsbruck bei der „Golden Roof Challenge“ kennen. Wen lernt Innsbruck kennen?

Darja Klischina: Wer mich nicht kennt, wird sich denken: Die kann ganz schön hart sein. Aber ich kann auch weich sein, ich trenne das je nach Lebenssituation.

Wer es in der Leichtathletik zu etwas bringen will, muss zwangsläufig eine gewisse Härte vorweisen.

Klischina: Das mag sein, ich trenne aber streng zwischen Sport und Privatleben. Im Sport bin ich oftmals darum bemüht, meine Emotionen zu verstecken, die schlummern tief in mir drin. Ich muss fokussiert bleiben, schließlich ist es ein Einzelsport.

Sie zierten abseits des Sports das Cover vieler Magazine, sind Model und Werbe-Testimonial für Marken wie Nike, Skullcandy und Seiko. Wie lässt sich das unter einen Hut bringen?

Klischina: Nur mit einem großen Team rund um die Trainingsgruppe: ein Trainer, fünf Assistenzcoaches, zwei Agenten der Agentur IMG, ein Masseur, ein Physiotherapeut ...

Wie viel Zeit bleibt da noch fürs Training?

Klischina: Drei Tage wöchentlich trainiere ich zwei Einheiten, drei Tage einmal täglich – jeweils 2,5 Stunden. Und am Sonntag habe ich frei. Wobei: Die meiste Zeit geht für Regeneration auf, nicht fürs Training. Wenn der Körper nicht mehr mit mir spricht, kann ich auch keine Leistung bringen (lacht).

... oder in der Weitsprung-Grube - Darja Klischina macht da wie dort eine gute Figur.
© imago/UPI Photo

Das klingt, als wären Sie ein Kleinunternehmen. Wie schwer ist es, den Fokus zu behalten?

Klischina: Die Nummer eins bleibt der Sport, das verstehen meine Werbepartner. Wenn das Ergebnis einmal nicht stimmt, wissen ich und mein Team das einzuschätzen.

Sie übersiedelten 2013 in die USA (Florida, Anm.), was sich angesichts des Olympia-Dopingbanns für russische Leichtathleten als glückliche Wendung erwies.

Klischina: Das war ein Glück, planen hätte man das ja nicht können. Nach der WM 2013 in Moskau wollte ich was Neues ausprobieren, in Florida gefiel es mir auf Anhieb.

USA, Russland, zwei Länder, zwei Systeme. Was ist dran am Klischee, dass russische Sportlerinnen so hart trainieren?

Klischina: Da ist was dran, russische Sportlerinnen opfern viel für den Erfolg. Die haben ein Ziel vor Augen und ordnen sich ihm unter.

Aufgrund Ihres US-Aufenthalts waren Sie einer Dopingkontrollbehörde außerhalb Russlands zugeordnet, Sie durften nach langem Wirbel bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro starten – als einzige russische Sportlerin!

Klischina: Es war eine harte Zeit, schließlich urteilte das Gericht erst am Tag vor der Weitsprung-Qualifikation, dass ich starten dürfe. Als die positive Entscheidung kam, habe ich drei Tage nichts trainiert, ich war leer wie eine ausgepresste Zitrone.

Wie nahmen Sie das Echo der Öffentlichkeit auf? Manche meinten, Sie hätten aus Protest auf einen Start verzichten sollen.

Klischina: Hätte ich das? Nun – jeder will zu Olympia, jeder investiert Zeit und Energie in dieses Ziel. Die Athleten aus dem russischen Team hätten das nie von mir gefordert, die gratulierten mir eher. Was andere meinen, darauf legte ich keinen Wert. Ich war glücklich, die olympische Erfahrung machen zu dürfen. Dass ich ins Finale kam, belohnte mich für viele Mühen.

Sie kannten die meisten der knapp 70 gesperrten russischen Leichtathleten. Wie ging es Ihnen damit, dass die nicht starten durften?

Klischina: Mir tat es leid, auch für die Behindertensportler, die nicht starten durften. Allein und ohne Team an­zutreten, war aber auch für mich hart, den Spirit braucht es.

Golden Roof Challenge 2017

Austragungsort: Altstadt Innsbruck (freier Zutritt)

Zeitplan, Freitag

15.30 Uhr:

EUREGIO-Schulmeisterschaft im Weitsprung

17.45 Uhr:

Aufwärmen der Top-Athleten

18.45 Uhr:

„Kranzlstechen“, Vorstellung der Top-Athleten

19.00 Uhr:

Meetingstart im Stabhoch- und Weitsprung

21.45 Uhr:

Siegerehrung

www.goldenroofchallenge.at

Wie bewerten Sie die Entscheidung des Olympia-­Dopingbanns? Russland steht seit vielen Monaten oftmals im Fokus.

Klischina: Auch die Weltpolitik spielt eine Rolle. Denn Doping ist kein Russland-, sondern ein Welt-Problem.

Haben Sie das Gefühl, dass man das Thema Doping in Russland mittlerweile ernster nimmt?

Klischina: Es wird sehr, sehr viel gemacht, um das Vertrauen wiederherzustellen. Und ich glaube, dass es besser wird. Schließlich betrifft es den ganzen russischen Sport: Viele Sportler wissen nicht, was sie aufgrund der Sperre tun sollen, manche haben sogar aufgehört. Ich kann nur für meine alte Trainings­gruppe sprechen. Da ging es immer mit rechten Dingen zu. Ich hoffe, dass ein Treffen der Verantwortlichen in Bezug auf ein russisches Dopinglabor zum Erfolg führt.

Derzeit starten Sie unter neutraler Flagge – wie lang­e noch?

Klischina: Das gilt auch für die heurige Leichtathletik-WM im August in London – ich würde lieber für Russland starten. Aber bei der WM bin ich wenigstens nicht die einzige Russin.

Das Thema Doping überschattet das Sportland Russland. Stellen Sie eine Entwicklung fest?

Klischina: Es wird besser und ich hoffe, dass es bald vorbei ist. Ich wünsche mir, dass wirklich alle Athleten weltweit, egal ob aus Russland oder von sonst wo, nach den gleichen Kriterien auf Doping getestet werden. Ich werde ein- bis zweimal monatlich getestet. Ob das bei allen so ist, da bin ich mir nicht sicher.

Der Leichtathletik-Weltverband will verdächtige Rekorde aus den 80er- und 90er-Jahren streichen. Wie stehen Sie dazu?

Klischina: Wenn ich einer dieser Sportler wäre, würde ich mich wohl wehren: „Hall­o, was macht ihr? Ich habe für diese Leistung gekämpft.“ Ich habe kein Problem damit, wenn diese Bestmarken bleiben würden, entscheiden müssen das andere.

Sie sprachen von Kämpfen. Was ist die Grund­eigenschaft, die ein Weltklassesportler mitbringen muss?

Klischina: Hart arbeiten! Er muss das Verlangen spüren, eine große Leistung zu erbringen.

Bei der „Golden Roof Challenge“ in Innsbruck gelten Sie als einer der großen Stars. Was wollen Sie erreichen?

Klischina: Bei meinem ersten Freiluftwettkampf in Eugene (USA) siegte ich mit 6,70 Metern. Diese Leistung will ich übertreffen, auch wenn die Bahn in der Stadt eine neue Erfahrung für mich wird. Ich glaube, die Anfeuerung durch die Zuschauer am Rand wird mich besonders motivieren.

Das Gespräch führte Florian Madl