40.000 Blutkonserven pro Jahr in Tirol benötigt
Egal welches Einkommen oder welches Alter: Alle Menschen lassen sich in vier Blutgruppen unterteilen. Je nachdem, welche man hat, kann man leichter erkranken oder hat Probleme in der Schwangerschaft.
Von Judith Sam
Innsbruck –Verrät das Blut des Menschen etwas über dessen Charakter? Eignet sich jemand mit Blutgruppe A besser für eine Führungsposition oder hat Blutgruppe B mehr Temperament? Fragen wie diese beschäftigen neuerdings asiatische Forscher. Susanne Kilga-Nogler, Oberärztin an der Innsbrucker Blutbank, hält von solchen Thesen allerdings wenig: „Dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege.“
Richtig sei jedoch, dass es zwischen Blutgruppeneigenschaften und diversen Erkrankungen Zusammenhänge gibt: „Dies trifft besonders auf Infektionen zu. Im Jahr 1350 grassierte die Pest in Tirol und reduzierte die Bevölkerung bis auf ein Sechstel. Wer damals Blutgruppe A, B oder AB hatte, war besser gegen diese Krankheit gerüstet. Dasselbe gilt für Cholera.“ Pockenviren wiederum befallen eher Blutgruppe A und AB.
Dieser „natürliche Schutz“ könnte eine Erklärung dafür sein, warum bestimmte Blutgruppen in Teilen der Erde gehäuft auftreten. Blutgruppe 0, bei der die Überlebenschancen bei Malaria größer sind, kommt in Afrika sehr häufig vor, B hingegen in Asien. „Besonders in den hinteren Tiroler Seitentälern finden sich mehr Menschen mit der Blutgruppe A, als im Nordtiroler Durchschnitt nachzuweisen ist“, weiß Kilga-Nogler. Das hänge auch mit der geografischen Abgeschiedenheit in früheren Jahrhunderten zusammen.
Heute ist Blutgruppe 0 die am weitesten verbreitete in Tirol: „Sie ist auch die gefragteste, was das Blutspenden angeht. Bei ihr sind die Vorräte immer knapp.“ Insgesamt sind die Tiroler Blut-Depots, mit ständig rund 900 Blutkonserven verteilt auf alle Blutgruppen, jedoch recht gut gefüllt. Nicht zuletzt dank des kostenlosen Angebots, das Spenderblut neben den vorgeschriebenen Tests auch auf Cholesterin und PSA, zur Prostatakrebs-Früherkennung, zu untersuchen: „Das hat der Blutbank zusätzliche Spender beschert.“
Doch der demografische Wandel macht sich laut der Oberärztin zunehmend bemerkbar: „Aus Altersgründen wird ein großer Teil der treuen Blutspender bald ausscheiden und vielleicht sogar vom Spender zum Verbraucher werden.“ Ein gravierendes Problem, weil allein in Tirol 2016 mehr als 40.000 Konserven benötigt wurden.
Das gespendete Blut ist laut Markus Jarnig, dem administrativen Leiter der Blutspendezentrale Wien, allerdings erst eine Art Halbfertigprodukt: „Es wird unterteilt in Blutplättchen, rote Blutkörperchen und Plasma.“ So kann jedes Produkt bei der optimalen Temperatur – von plus vier bis minus 40 Grad – gelagert werden, hält somit länger und kann spezifisch verabreicht werden.
Rote Blutkörperchen etwa, die bei vier Grad aufbewahrt werden, sind 42 Tage haltbar. Eine fertig produzierte Blutkonserve wird dann zum Preis von rund 145 Euro verrechnet.
Neben der Behandlung von Unfallopfern wird der Großteil davon in der Herzchirurgie sowie bei Leber- und Knochenmarkstransplantationen eingesetzt. Bei nur einer Lebertransplantation kann es durchaus vorkommen, dass über hundert Blutprodukte gebraucht werden.
Damit nicht genug: Auch bei so mancher Schwangerschaft kommt ein Produkt aus Spenderblut zur Geltung. Ob das der Fall ist, hängt vom so genannten Rhesusfaktor ab.
Rhesus-positive Menschen besitzen spezielle Proteine auf der Zellmembran der roten Blutkörperchen, Rhesus-negative nicht. „Ist die Mutter Rhesus-negativ, der Vater und das ungeborene Kind Rhesus-positiv, kann das Immunsystem der Mutter Antikörper gegen die Rhesuseigenschaft des Babys bilden“, schildert Kilga-Nogler. Diese Antikörper gelangen über die Plazenta in den Kreislauf des Babys und können durch Zerstörung von roten Blutzellen zu schwerem Sauerstoffmangel bis hin zum Tod führen.
Um eine Antikörperbildung zu verhindern, erhalten alle Rhesus-negativen Frauen in der 28. Schwangerschaftswoche eine „Rhesusprophylaxe“ – ein Arzneimittel, das aus Blut hergestellt wird.
All diese medizinischen Innovationen sind heute übrigens nur dank des Niederösterreichers Karl Landsteiner möglich. Er entdeckte um das Jahr 1900 das so genannte AB0-System. Der Arzt stellte fest, dass es sich bei den vier Blutgruppen um verschiedene Eigenschaften an der Oberfläche von Blutzellen handelt. Außerdem beschrieb er erstmals die zugehörigen Blutgruppenantikörper.
Ein Beispiel: „Jemand, der Blutgruppe 0 hat, hat in seinem Plasma Antikörper gegen A und B. Darum kann man ihm bei Blut-Transfusionen nur wieder die Blutgruppe übertragen, die er selbst hat.“ Andernfalls würden die übertragenen Zellen im Blut verfallen – was sogar zum Tod führen kann. Eine Ausnahme: Rote Blutkörperchen der Blutgruppe 0 können jedem Empfänger unabhängig von seiner eigenen Blutgruppe transfundiert werden.