Tiroler Volkskunstmuseum zeigt Migrationsgeschichten

Das Volkskunstmuseum ist als „Bollwerk der Tiroler Identitätskonstruktion“ genau der richtige Ort, um mit „Hier zuhause“ auch Migrationsgeschichten aus Tirol zu erzählen.

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Blick in die Ausstellung "Hier zuhause. Migrationsgeschichten in Tirol" im Tiroler Volkskunstmuseum.
© Wolfgang Lackner

Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Ist es angesichts heutiger Migrationsfragen unbotmäßig, „nur“ zurückzuschauen – zumal aus der sicheren Distanz mehrerer Jahrzehnte? Auch andere Fragen drängen sich auf, wenn nun im Volkskunstmuseum „Migrationsgeschichten aus Tirol“, konkret jene der Arbeitsmigration der 1960er und 70er Jahre, erzählt werden. Zum Beispiel: Welche Objekte sind geeignet, diese Geschichten zu veranschaulichen? Fördern sie letztlich wieder nur Stereotype?

© Wolfgang Lackner

Man habe, sagen die Mitglieder der neunköpfigen Konzeptgruppe, bei der Vorbereitung der Ausstellung „heftige Diskussionen“ geführt. Am Ende wurden diese mit ausgestellt: Neben den Interviews mit Zeitzeugen kommen die Ausstellungsmacher zu Wort, sprechen über Herausforderungen, Schwierigkeiten, Potenziale des Themas. Das ist eine schöne Idee, die das Risiko abfedert, dass aus der hehren Absicht, die Migrationsgeschichte als Teil der Tiroler Geschichte sichtbar zu machen, doch wieder eine Zurschaustellung des „Anderen“ wird.

Dass diskutiert wurde (und bestenfalls weiterhin wird), soll der von Juliette Israël entworfene „Konferenzraum“ widerspiegeln, die Interviews laufen hier, nach Themen arrangiert, auf Bildschirmen, eine Zeit- und Faktenleiste führt an der Wand durch die beiden Ausstellungsräume. Das Wirtschaftswunder der 1960er Jahre war bekanntlich nicht ohne Arbeitskraft zu bewerkstelligen. Mancherorts in Österreich und Deutschland wurden die „Gastarbeiter“, die über die Anwerbeabkommen mit der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien ins Land kamen, gar von Blasmusikkapellen willkommen geheißen. Daran, dass sie sich oft in prekären Wohnverhältnissen wiederfanden, änderte das wenig. Lebensumstände beleuchten etwa die verschriftlichten „Mindestanforderungen“ für Wohnungen von „GastarbeiterInnen“: Das sind noch 1985 „eine Toilette pro 15 Bewohner“, wogegen sich „eine eigene Bettstelle pro Person“ geradezu großzügig ausnimmt.

Slavko Ivanovic´ kam 1969 aus dem damaligen Jugoslawien nach Österreich. 13 Jahre lang machte er Nachtschichten am Innsbrucker Standort der Vorarlberger Textilfabrik Herrburger und Rhomberg. Die blaue Arbeitsmontur, die jetzt im Volkskunstmuseum zu sehen ist, erhielt er an seinem ersten Arbeitstag. Das schwarze Wandtelefon, das die aus der Türkei stammende Nevin Genç sich 1972 von ihren ersten Löhnen gekauft hat, brachte Unabhängigkeit vom öffentlichen Münztelefon in Imst, wo Genç als 20-Jährige in der Textilfabrik Jenny & Schindler zu arbeiten begonnen hatte. Im Wohnheim teilten sich anfangs sieben Frauen drei Betten. Das Unternehmen stellte Besteck zur Verfügung: Am Stiel des Löffels, den Genç heute noch besitzt, ist ein Hakenkreuz eingraviert – das Besteck stammte offensichtlich von einer Organisation der nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterfront.

Ein hellblauer Pullover wiederum war das einzige warme Kleidungsstück, das Clarita Rohrer, geborene Ocheda, im Gepäck hatte, als sie 1973 die Reise von den Philippinen nach Tirol antrat. Sie war als Pflegerin angeworben worden und begann im Malfattiheim zu arbeiten. Mehrere hundert Filippinas kamen bis 1975 auf diesem Weg nach Westösterreich – ein bislang unterbeleuchtetes Kapitel in der Geschichte der Arbeitsmigration.

Die vom offiziellen Österreich lange eher verschämt behandelt wurde – wohl auch, weil sich an ihr bis heute nachwirkende Versäumnisse in der Integrationspolitik ablesen lassen. So oder so: Gesellschaftlicher Wandel hatte über Jahrhunderte hinweg auch mit Migrationsströmen zu tun. Allmählich wird das auch für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts geltend gemacht – und Migrationsgeschichte als Teil der Gesellschaft untersucht bzw. erforscht. Hierzulande ist das von Land und Stadt Innsbruck finanzierte „Dokumentationsarchiv Migration Tirol“ Zeugnis dieser Entwicklung. Es ist im Zentrum für MigrantInnen in Tirol (ZeMiT) angesiedelt und – wie auch die Ausstellung – ein Kooperationsprojekt verschiedener Einrichtungen, darunter das Institut für Zeitgeschichte der Uni Innsbruck und die Tiroler Landesmuseen. Gerade im Volkskunstmuseum, das sich seit seiner Eröffnung 1929 als „Bollwerk der Tiroler Identitätskonstruktion“ verstanden hatte, sei es wichtig, „sich mit dem Thema Fremdheit auseinanderzusetzen“, sagt dessen Leiter Karl C. Berger. Neben persönlichen Erinnerungsstücken – darunter Briefe, Reisepässe, Fotografien – beleuchtet die Schau auch zivilgesellschaftliche Bewegungen, etwa die Aktion „Ararat“, die 1989 tirolweit für eine Reform bestehender Ausländergesetze warb. Mit Hasan Yilmaz saß 2005 der erste türkischstämmige Abgeordnete im Tiroler Landtag.

„Hier zuhause“ bietet keine Antworten, schon gar nicht auf aktuelle Fragen. Aber es gelingt zu zeigen, dass hier nicht musealisiert, sondern mit dem Sichtbarmachen von Entwicklungen der Vergangenheit dezidiert an die Gegenwart angedockt werden soll: Anfang 2018 auch mit einer Veranstaltungsreihe im Ferdinandeum.


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