Was den Tag erst perfekt macht
Wie der Künstlerische Leiter von Mariathal das „Marketingproblem“ des Kirchenchors der Pfarre in Kramsach löste und damit wahre Begeisterungsstürme auslöste.
Von Michaela S. Paulmichl
Kramsach – Ein Kirchenchor vor der Auflösung und die Bitte: „Übernimm du das. Das macht sonst niemand.“ Vier Jahre sind vergangen, seit Paul Lorenz diesem Wunsch des Pfarrers nachkam und Künstlerischer Leiter des Chors in der Basilika von Mariathal wurde. Da waren in anderen Kirchen die Plätze neben der Orgel bereits verwaist – auch weil sich immer weniger Sänger finden, die ihre Stimme in den Dienst der höheren Sache stellen wollen.
„Liegt’s an den Liedern, den zeitaufwändigen Proben, den leeren Kirchenbänken, vor denen zu singen es keine Freude macht?“ Diese Fragen stellte sich der Musikproduzent mit Tonstudio, der am Innsbrucker Konservatorium Violine und Komposition studiert hatte. Und stieß als Antwort auf ein „Marketingproblem“ mit dem offensichtlich mit Vorurteilen verbundenen Namen „Kirchenchor“, der in den Augen vieler für die Verpflichtung stehe, jeden Sonntag zu singen und auch für schwierige Gesänge in Latein. Also änderte Lorenz den Namen in „Chor der Basilika Mariathal“ und setzte auf moderne Literatur, denn „für gewöhnliche Kirchenlieder kann ich die Jungen nicht begeistern“.
Ein Song als Einstieg, sozusagen als „Sprung“ in den Kirchenchor 2.0 von heute: Als der Chorleiter beim Ein- und Auszug der rund 90 Firmlinge auf der Orgel „Jump“ der amerikanischen Rockband Van Halen spielte, sei der Funke gleich übergesprungen, wie er meint. „Alle waren gut gelaunt!“ Nach der Firmung, die eineinhalb Stunden gedauert habe, kamen Angehörige zum Chorleiter und sagten: „Schade, dass es schon vorbei ist.“
Kommt das komplette Ensemble zusammen, füllen bis zu 80 Musiker – der Chor, das neu zusammengestellte Orchester und Mitglieder einer Band – den Altarraum. „Classic meets Pop“ ist das Rezept, an das sich Mariathal erfolgreich hält – mit einem Repertoire vom Händel-Halleluja bis zu „Music Was My First Love“. Das Nachwuchsproblem scheint gelöst. Als Produzent kann Lorenz allen komplett arrangierte Chor- und Notensätze zur Verfügung stellen.
Auch außergewöhnliche Talente sind mit dabei, wie „Rockröhre“ Kathrin Plieger, die mit „I’m So Excited“ – „Ich bin so aufgeregt“ – der Pointer Sisters den Kirchenraum beben und die Zuhörer toben lässt, sich aber auch an ein Solo in einer Mozart-Messe traute. Die Hemmschwelle, für den Kirchenchor zu singen – denn das ist der Chor der Basilika Mariathal natürlich nach wie vor –, scheint überwunden.
Da passt auch der Name Zeitlos für das neu gegründete junge Ensemble, das Lieder und Messen auf Latein ebenso beherrscht wie „I Will Follow Him“ aus Sister Act. Es singt auch auf Hochzeiten. „Danke, danke und nochmals danke für den besten Chor, den es gibt! Ihr seid der absolute Wahnsinn und habt unseren Tag perfekt gemacht“, schrieb eine dankbare Braut auf Facebook. Wenn „excited“ mit „begeistert“ übersetzt wird, trifft das wohl auf sie zu.
Und nach und nach füllten sich auch die Kirchenbänke wieder, inzwischen sind die Konzerte innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. Mit dem neuen Konzept war es Lorenz auch gelungen, klassische Chor- und Orchestermusik einem breiten Publikum näherzubringen. Und das nicht nur in der Region. Die nächsten Termine: „Classic meets Pop“ am Sonntag, 18. Juni, 19 Uhr, in der Pfarrkiche Stumm im Zillertal – gerechnet wird mit 350 bis 400 Besuchern – und als „Geheimtipp“ das Konzert am Vorabend, 19.30 Uhr. Näheres: www.chor-mariathal.at.