Bühne

Neues Futter für ein „großartiges Ungeheuer“

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Am 21. Juli erobert ein neuer „Jedermann“ den Domplatz. Das Herzstück der Salzburger Festspiele soll aus der Sicht unserer Zeit erzählt werden.

Von Christiane Fasching

Salzburg –Noch meidet Tobias Moretti den Domplatz, noch umrundet der Tiroler das „großartige Ungeheuer“ (O-Ton Michael Sturminger), auf dem ab 21. Juli der „Jedermann“ mit dem Tod ums Leben ringt. „Ich möchte mir diesen intimen Moment aufbewahren. Ich glaub’, ich erkunde ihn mal in der Nacht“, sagt der 17. Jedermann der Festspielgeschichte, der Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ bereits aus der Perspektive des Guten Gesellen und des Teufels kennt. Die prestigeträchtige Hauptrolle hat er indes zweimal abgelehnt – weil der Zeitpunkt nicht stimmte, weil er sich nicht voll auf das Herzstück der Festspiele konzentrieren hätte können. Jetzt kann er. Und will er. Wenngleich alles anders kam, als erwartet.

Die Idee, die 2013 uraufgeführte Inszenierung von Julian Crouch und Brian Mertes mit neuen Visionen aufzuladen, scheiterte nämlich. „Die beiden hatten das Gefühl, dass die Statik ihres Stücks ins Wanken gerät“, erklärt Moretti bei der gestrigen Pressekonferenz über den Dächern von Salzburg. Und versucht, mit Gerüchten über etwaige Dissonanzen aufzuräumen. „Julian hat mir geschrieben, dass er sich freut, die Inszenierung nächstes Jahr zu sehen. Heuer geht es sich leider nicht aus“, sagt er – und attestiert der Interpretation des britisch-amerikanischen Duos „sehr stimmige Situationen“. Ein echtes Lob hört sich anders an, aber nun richtet sich das mediale Tamtam, das den Dom­platz-Dauerbrenner umspielt, ohnedies auf den neuen „Jedermann“, bei dem Michael Sturminger die Fäden in der Hand hat. Im April wurde bekannt, dass der Wiener Theater-, Film- und Opernregisseur für das Duo in die Bresche springt – und es nun doch zu einer kompletten Neuinszenierung kommt. Und das binnen weniger Wochen. „Das ist absurd wenig Zeit. Der Vorteil war aber, dass nicht über alles jahrelang diskutiert wurde: Wir hatten die Freiheit, das zu tun, was wir für richtig hielten“, schreit Sturminger. Warum so laut? Ganz einfach: Auch die Domglocken wollen beim Presseauflauf mitmischen – und demonstrieren mit ausdauerndem Nachhall, dass man an der Salzach nie auf höhere Mächte vergessen darf.

„Ich hoffe, das Läuten hat Gutes zu bedeuten“, lacht Moretti und spricht über die „Erotik der Intimität“, die er an der Seite seiner Buhlschaft Stefanie Reinsperger auf die Bühne bringen will. Einer „unabhängigen und starken“ Buhlschaft, wie die 29-jährige Wienerin, die kommende Saison ans Berliner Ensemble wechselt, betont. Besonders reizvoll an der viel beäugten Nebenrolle findet sie deren Konfrontation mit Jedermanns Frage, ob sie ihn in den Tod begleitet. „Mal schauen, welche Antwort sie gibt“, meint sie schelmisch. Keine Antwort gibt Reinsperger indes auf die Frage nach dem Kleid der Buhlschaft. „Offiziell hat’s mir zwar keiner verboten, aber ich weiß, was sich gehört: lächeln. Und schweigen“, sagt sie. Lächelnd.

Das Glockengeläut ist verhallt, schon prasselt lautstark der Regen los. Lustvoll spielt Salzburg also mit all seinen Klischees, doch bevor noch Mozartkugeln verteilt werden, rückt Michael Sturminger seinen Stuhl ins Trockene – und kommt auf die Gegenwart zu sprechen. „Ich will den ,Jedermann‘ aus der Sicht unserer Zeit erzählen“, verrät der Regisseur, der damit mit einer knapp 100-jährigen Tradition bricht. Hoffmannsthals Original-Text will Sturminger aber – bis auf wenige Stellen – treu bleiben. Das Prasseln lässt nach. Sieht nach einem Segen von oben aus.