ICCT-Forscher: Mehr Klimaschutz auch ohne CO2-ärmere Diesel möglich

Berlin (APA/dpa) - Schärfere Klimaziele lassen sich nach Überzeugung des internationalen Umwelt-Forschungsverbunds ICCT künftig auch ohne ei...

Berlin (APA/dpa) - Schärfere Klimaziele lassen sich nach Überzeugung des internationalen Umwelt-Forschungsverbunds ICCT künftig auch ohne einen größeren Beitrag CO2-ärmerer Dieselautos durchsetzen. Selbst wenn der Anteil des vergleichsweise weniger klimaschädlichen Diesels sinken sollte, könnten alternative Antriebe bei entsprechenden Investitionen der Autobauer dies auffangen, erklärten die Experten.

Weniger Treibhausgas-Emissionen im Verkehrssektor insgesamt seien unabhängig vom Diesel möglich, wenn man außerdem die Flotten der Hersteller in Summe betrachte - und nicht nur einzelne Modelle.

Der ICCT, dessen Analysen 2015 mit zur Aufdeckung des VW-Skandals geführt hatten, sieht damit keinen Widerspruch zwischen mehr Klimaschutz und weniger Diesel. Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung, die die Organisation am Donnerstag in Berlin vorlegte.

Bei vergleichbarer Leistung erzeugen Diesel wegen der effizienteren Verbrennung des Kraftstoffs oft weniger CO2 als Benziner. Dagegen fällt ihre Bilanz beim Atem- und Umweltgift NOx in der Regel schlechter aus. Es komme indes auf das Gesamtbild an, betonte der ICCT - jedenfalls bei neuen und künftig zugelassenen Autos.

„Auf Flottenebene - über alle Fahrzeugsegmente hinweg - sind die durchschnittlichen CO2-Emissionen neuer Diesel- und Benzinfahrzeuge nahezu identisch“, heißt es in dem Forschungsbericht. Errechnet wurden Werte von 119 Gramm je Kilometer für Diesel- und 123 Gramm für Ottomotoren. Obwohl vergleichbar starke Diesel im Vorteil sind, müsse das nicht für das ganze Segment gelten, sagte ICCT-Europa-Chef Peter Mock: „Die Effizienzvorteile werden häufig durch eine höhere Motorleistung und höheres Gewicht der Dieselfahrzeuge aufgezehrt.“

Die Diesel-Debatte hatte zuletzt an Schärfe gewonnen. In Bayern beriet die Regierung mit Audi und BMW über Maßnahmen gegen schmutzige Luft, im deutschen Bundestags-Wahlkampf setzen primär die Grünen aufs Thema.

Der Autoverband VDA schlug eine Initiative für Software-Nachrüstungen bei alten Euro-5-Dieseln vor, um Fahrverbote zu vermeiden. Der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv), Klaus Müller, verlangte von den Konzernen, die Kosten zu übernehmen: „Diejenigen, die uns allen die Suppe eingebrockt haben, waren die Autohersteller“. Die Politik müsse kompromisslos das Verursacherprinzip verfolgen. Weder betroffene Kunden noch der Steuerzahler hätten einen einzigen Euro zu zahlen. Im August ist ein „Diesel-Gipfel“ in Berlin geplant.

Die Verunsicherung der Kunden zeigt sich mittlerweile deutlich. Der Anteil des Diesels an den deutschen Neuzulassungen lag im ersten Halbjahr 2017 laut deutschem Kraftfahrt-Bundesamt noch bei 41,3 Prozent, nach 46,9 Prozent im Vorjahreszeitraum. Der schwedische Autobauer Volvo kündigte an, sich Schritt für Schritt vom reinen Verbrennungsmotor zu verabschieden: Ab 2019 werde jedes neue Modell einen E-Motor haben.

In Frankreich sollen Verbrenner wie Diesel oder Benziner nur noch bis spätestens zum Jahr 2040 verkauft werden dürfen, wie Umweltminister Nicolas Hulot bei der Vorstellung des Klimaplans der neuen Regierung sagte. Nach dem Austritt der USA aus dem UN-Klimaabkommen will Paris die eigenen Klimaschutz-Ziele verschärfen, Frankreich soll bis 2050 klimaneutral werden. Das bedeutet, dass nur so viel klimaschädliches Treibhausgas CO2 ausgestoßen wird, wie etwa durch Wälder und Speichertechniken aus der Atmosphäre geholt werden kann.

Die Beratungsfirma E&Y sieht auch den deutschen Dieselmarkt unter Druck: „Im Juni entschieden sich nur 38,8 Prozent aller Neuwagenkäufer für einen Selbstzünder - vor einem Jahr waren es noch 46,0 Prozent.“ Grund sei die öffentliche Diskussion zu Fahrverboten.