Viel Blaulicht im Rotlichtviertel, Ausschreitungen bei Protesten

Keine Atempause für die Polizei in Hamburg – es ist der dritte Tag in Folge mit einer großen Demonstration der G20-Gegner. Die Beamten sichern die Elbphilharmonie – und geraten in einem Szeneviertel unter Druck.

Die G20-Gipfel in Hamburg ist von heftigen Krawallen überschattet.
© Reuters

Von Sonja Wurtscheid und Bernhard Sprengel, dpa

Hamburg – Das Ziel der G20-Gegner ist klar: Alle wollen am Freitag zur Elbphilharmonie, wo sich gegen Abend die Staats- und Regierungschefs zu einem klassischen Konzert einfinden. Zu einem „Arschgeigen-Konzert“, wie eine Sprecherin der „Block G20“-Demonstration mit heiserer Stimme aus dem Lautsprecherwagen ruft. Bunt gekleidete Clowns und eine pink gekleidete Percussion-Gruppe erheitern auf dem Millerntorplatz niemanden.

Tausende Demonstranten, darunter Hunderte schwarz gekleidete, ziehen dann aber erstmal in die entgegengesetzte Richtung. Es seien 5000, sagen die Veranstalter. Mehrere Hundertschaften der Polizei lassen sie losmarschieren. Oberhalb der Landungsbrücken vereinen sie sich mit Hunderten Marschierern eines Schwarzen Blocks. Bevor sie runter zur Elbe gehen, werfen einige Vermummte noch schnell Steine auf eine Hotelfront. Dort haben sich US-Journalisten einquartiert und vermutlich auch Teile der US-Gipfeldelegation. Von der Polizei ist an der engen Kreuzung Davidstraße/Bernhard-Nocht-Straße nichts zu sehen. Zum Glück splittert das Glas nur, gibt aber nicht nach.

„Wir werden eure Krise sein!“

Die Elbphilharmonie scheint in Reichweite. Die Demonstranten ziehen in Richtung des Konzerthauses – mit Flaggen und Bannern türkischer kommunistischer Gruppen hinter der Parole „Wir werden eure Krise sein!“. Sie skandieren „Antikapitalista“ oder „Antifaschista“.

Doch die Polizei hat die Straße abgeriegelt. Wasserwerfer stehen bereit. Ein Hubschrauber knattert in der Luft. Die Demonstranten setzen sich auf die Straße. Bald kommt es zu Auseinandersetzungen. Böller krachen. Die Polizei drängt die Demonstranten Richtung Fischmarkt/Reeperbahn zurück. Auf der Elbe versuchen Aktivisten von Greenpeace mit Booten in die Sicherheitszone einzudringen.

Es bleibt aber klar: In diese Zone kommt kein Demonstrant. Und so trifft zwei Stunden später Kanzlerin Angela Merkel als erster Gast ein - mit reichlich Verspätung kommen später auch US-Präsident Donald Trump und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin.

Die Polizei hält die Landesbrücken unter Kontrolle. Einige Meter oberhalb, an einem Aussichtspunkt, stehen derweil zwei Demonstranten mit ungewöhnlichen Pappschildern: „Mama, mir geht es gut. Wir sind in Hamburg. Randalierer und Politiker - bitte verpissen!“ Die Maschinenbau- und Mechatronik-Studenten Eike und Matthias haben es satt, dass Autos angezündet werden.

Jeder soziale Wandel ist mit Gewalt durchgesetzt worden.“

Ein Gleichaltriger mit schwarzer Regenkleidung und Kopfbedeckung widerspricht: „Jeder soziale Wandel ist mit Gewalt durchgesetzt worden.“ Als Beispiel nennt er das Ende der DDR und die russische Oktoberrevolution. In die Diskussion mischt sich eine schwarz gekleidete junge Frau ein. „Ihr könnt hier nicht diskutieren. Jetzt geht es um Aktion!“, schreit sie aufgebracht.

Die „Aktion“ geht weiter. Auf dem Millerntorplatz versuchen Demonstranten, Barrikaden zu bauen. Die Polizei verhindert das mit Wasserwerfern. In dem Tumult bemerken nur wenige, dass sich eine Wagenkolonne einer asiatischen Gipfeldelegation in die Demonstranten verirrt hat. Unbeschadet können die vier schwarzen Luxuslimousinen wenden. Die Demonstranten ziehen weiter, in Richtung der Autonomen-Hochburg Rote Flora. Dort greifen Vermummte die Polizei mit Flaschen und Steinen an. Barrikaden brennen.

Fast 200 Polizisten verletzt

Am späteren Abend versammeln sich erneut Demonstranten unter einem martialischen Motto: „Revolutionäre Anti-G20-Demo, G20 entern Kapitalismus versenken.“ Während in der Elbphilharmonie Beethovens „Freude schöner Götterfunken“ erklingt, gehen draußen die Krawalle weiter. Die Reeperbahn ist voller Blaulichtfahrzeuge. Aber nicht jede Demonstration ist auf Konfrontation angelegt. Auf dem Spielbudenplatz demonstriert „Hamburg.Pride“ gegen Schwulenfeindlichkeit. Kaum ein Teilnehmer trägt ein schwarzes Kleidungsstück, viele haben sich in Regenbogenflaggen gehüllt.

Hamburg hat an diesem Freitag bereits eine heftige Krawallnacht hinter sich. 160 verletzte Beamte meldet die Polizei. Wie viele Demonstranten und Unbeteiligte zu Schaden kamen - unklar. Die ganze Nacht gab es Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei, Sitzblockaden, brennende Autos, zerstörte Geschäfte, beschädigte Streifenwagen. Die Polizei bittet andere Bundesländer um Verstärkung. Die mehr als 19000 Beamten im Einsatz sind offenbar zu wenige für die kommende Nacht.

Bei den Krawallen wurden nach Polizeiangaben vom Freitagabend 196 Beamte verletzt, darunter seien keine Schwerverletzten. Zur Zahl der verletzten Demonstranten konnten weder Polizei noch Feuerwehr Angaben machen. Ein Feuerwehrsprecher sagte, die Demonstranten hätten eigene Sanitäter dabei, so dass sie in vielen Fällen nicht auf fremde Hilfe angewiesen seien. Die Polizei nahm bis Freitagabend nach eigenen Angaben 83 Gipfelgegner fest und 17 weitere in Gewahrsam. Zur Zahl der abgebrannten Autos konnte die Polizei keine Angaben machen, die Feuerwehr sprach von einigen Dutzend. (dpa)


Kommentieren


Schlagworte