Seit Trump kommen immer mehr Flüchtlinge illegal nach Kanada

Ottawa/Washington (APA/dpa) - In blaue Decken eingewickelt sitzen zwei dunkelhäutige Männer auf wackeligen Holzstühlen. Ihre Füße sind nackt...

Ottawa/Washington (APA/dpa) - In blaue Decken eingewickelt sitzen zwei dunkelhäutige Männer auf wackeligen Holzstühlen. Ihre Füße sind nackt, sie wirken müde, ängstlich und verstört. Sprechen wollen sie nicht - dürfen sie auch nicht, bevor sie nicht mit einem kanadischen Grenzbeamten geredet haben.

Die beiden sind in der Nacht zuvor irgendwo zwischen North Dakota und Manitoba aufgriffen worden, dort wo Nordamerika inmitten von kilometerlangen Kornfeldern zu Kanada wird. Jetzt warten sie in dem kleinen Grenzhäuschen zwischen den Ortschaften Pembina in den USA und Emerson in Kanada auf einen Grenzbeamten - und die Chance, Asyl zu beantragen.

Die Grenze der USA in Richtung Süden dominiert die Schlagzeilen. Dort will US-Präsident Donald Trump eine Mauer bauen, um illegale Einwanderer vor allem aus Mittelamerika aufzuhalten. Schon jetzt ist diese Grenze scharf bewacht. Die Richtung Norden dagegen, mit fast 9000 Kilometern die längste Grenze der Welt, ist auf weiten Strecken offenes Land, eine Aneinanderreihung schier unendlicher Wälder und Felder. Dass diese Linie unabsichtlich oder absichtlich illegal überschritten wird, kommt immer schon hin und wieder vor. „Boarder Jumpers“, Grenzspringer, nennt man solche Menschen hier.

Doch seit einigen Monaten ist alles anders. „Jeder hier in Emerson hat schon einmal einen Grenzspringer gesehen“, sagt Bürgermeister Greg Janzen, der sein ganzes bisheriges Leben im Süden der kanadischen Provinz Manitoba verbracht hat. „Aber seit Trump seinen Einreisestopp angekündigt hat, und unser Premierminister getwittert hat, dass wir hier alle willkommen heißen, hat sich alles verändert - und die Zahlen steigen immer mehr an.“

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Ende Jänner hatte Trump seinen bisher von Gerichten nur teilweise zugelassenen Plan angekündigt, Bürger aus sieben mehrheitlich muslimischen Staaten zeitweise nicht mehr in die USA reisen lassen zu wollen. Einen Tag später twitterte Kanadas Premierminister Justin Trudeau, dessen Regierung bereits rund 40.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen hat, „an all diejenigen, die vor Verfolgung, Terror und Krieg fliehen“: „Kanadier werden euch willkommen heißen, egal welcher Religion ihr angehört.“ Am Wochenende darauf seien gleich 19 Menschen auf einmal über die Grenze nach Emerson gekommen, erinnert sich Bürgermeister Janzen. Der US-Einreisestopp habe das ausgelöst, das sei eindeutig. „Emerson wurde davon direkt getroffen.“

2016 gab es nach Angaben der kanadischen Behörden insgesamt 6960 Asylanträge an Einreisepunkten auf dem Landweg. 2017 sind es bereits jetzt mehr als 5600 - und das Jahr ist erst halb vorbei. Die häufigsten Fälle gibt es in den östlichen Provinzen Quebec und Ontario, sowie in der zentralen Provinz Manitoba. Der Grenzübergang zwischen Pembina und Emerson ist einer der ganz wenigen im Inland, die ständig geöffnet sind und nicht nur den normalen Ein- und Ausreiseverkehr, sondern auch Einwanderungsformalitäten abwickeln können.

Die illegalen Einwanderer kämen von überall her, sagt Bürgermeister Janzen. „Guatemala, Nicaragua, Kolumbien, Mexiko, Somalia, Dschibuti - aus der ganzen Welt.“ Ob sie schon länger in den USA gelebt haben - legal oder illegal - oder sich direkt von zu Hause mit dem Fluchtziel Kanada aufgemacht haben, weiß er nicht. „Aber es werden immer mehr - und je wärmer es wird, desto deutlicher steigen die Zahlen an. Für unseren kleinen Ort direkt an der Grenze ist das eine große Herausforderung.“

Mehr als eine Million Menschen passieren den Übergang jährlich legal - und seit einigen Monaten immer mehr illegal. Einfach zur Grenzstation gehen und um Asyl in Kanada bitten geht nicht, das verbieten die bilateralen Abkommen. Aber illegal über die Grenze gehen und dann um Asyl bitten, das geht. Wer von der Polizei zwischen den Kornfeldern aufgegriffen wird, wird zunächst ins Grenzhäuschen gebracht und dann zur weiteren Bearbeitung des Asylantrags in die nächstgrößere Stadt Winnipeg.

Rund 700 Menschen wohnen in Emerson, gegründet im 19. Jahrhundert und benannt nach dem Schriftsteller Ralph Waldo Emerson. Die meisten von ihnen sind Grenz- oder Zollbeamte im Ruhestand, oder Lehrer. Fast alle sind weiß, Flüchtlinge seien hier bisher keine angesiedelt worden, sagt Janzen. Es gibt eine Bar in Emerson und ein Motel, viele der einfachen einstöckigen Häuser mit Garten drumherum stehen zum Verkauf, einige Straßen sind nicht asphaltiert.

„Die Menschen kommen meist mitten in der Nacht über die Grenze“, sagt Janzen. „Viele orientieren sich an den Zuggleisen und kommen dann in der südöstlichen Ecke von Emerson an. Dann fangen viele von ihnen an, an Türen zu klopfen, egal welche Zeit es ist.“ Zu Beginn des Jahres reagierten die Menschen in Emerson noch freundlich, öffneten Häuser und Garagen, damit die Menschen sich aufwärmen konnten. „Hier wird es im Winter bis zu -25 Grad Celsius kalt und die Flüchtlinge waren nicht entsprechend angezogen. Wir mussten viele medizinisch checken lassen, eine Frau war schwanger und hatte sich bei der Grenzüberquerung einen Arm gebrochen.“ Sogar von Menschen mit abgefrorenen Zehen wurde berichtet.

Aber während die Zahl der Flüchtlinge stieg, nahm die Gastfreundschaft der Menschen in Emerson ab. „Es kommen einfach immer mehr. Letztens haben drei Menschen mitten in der Nacht an einem Haus geklingelt und dann fast die Tür eingetreten, um herein zu kommen. Am Tag darauf waren es sieben Menschen - um vier Uhr früh. Viele Bewohner sind es langsam satt und nicht mehr so hilfsbereit. Es dauert jetzt einfach schon so lang, jeder ist hier sehr angespannt und fragt sich: Wer wird als nächstes in meinem Garten auftauchen?“ Zudem seien die zuständigen Polizeibeamten völlig überarbeitet und hätten nicht einmal ein Fahrzeug, das genügend Platz für die großen Flüchtlingsgruppen biete.

Auch auf der anderen Seite der Grenze in den USA ist das Thema „Stadtgespräch“, sagt Kyle Dorion, der schon sein ganzes Leben in Pembina verbracht hat und seit mehr als drei Jahren Bürgermeister ist. Das 600-Einwohner-Städtchen inmitten von Kornfeldern in Sichtweite des Grenzübergangs hat ein kleines Museum, ein Motel, ein Lebensmittelgeschäft und rühmt sich als die „erste Siedlung in den Dakotas“. Wer hier ein Haus kauft, dem zahlt die Stadt sechs Monate lang die Wassergebühren und einen Familien-Jahrespass für den Golfclub. Mehr als 70 Prozent der Menschen im Kreis Pembina haben bei der Wahl 2016 für Donald Trump gestimmt, den US-Staat North Dakota gewann der Republikaner mit großer Mehrheit.

„Ein bisschen langweilig“ sei Pembina, sagt ein Teenager, der an der Kasse des Lebensmittelgeschäfts arbeitet. „Oh, bis auf den Pfad für Geländemotorräder.“ Von den illegalen Grenzspringern hat er auch schon gehört. „Ein Freund hat drei davon gesehen. Auf einer Brücke hat er mit ihnen gesprochen und dann sind sie in den Fluss gesprungen und rübergeschwommen.“

Drei illegale Grenzspringer hätten bisher bei ihr im Red Roost Motel eingecheckt, sagt die Besitzerin. Mit blond-gefärbten Haaren und tiefen schwarzen Augenringen sitzt sie im Schlafanzug an der Rezeption und beschäftigt sich mit ihrem Handy. „Einer hat sein Auto hier gelassen. Nach 30 Tagen wäre es meins gewesen, aber dann hat er doch noch jemanden zum Abholen geschickt.“ Normalerweise übernachteten bei ihr hauptsächlich „an der Grenze abgewiesene Menschen und Bauarbeiter“. „Aber mir ist es völlig egal, wer da kommt. Hauptsache, sie zahlen.“

Pembina scheine neuerdings ein „beliebter Absetzpunkt zu sein“, sagt Bürgermeister Dorion. Die Menschen kommen mit Auto, Bus oder Taxi und machen sich dann zu Fuß über die grüne Grenze auf. Trump sei der Auslöser gewesen. „Einen negativen Einfluss scheint das aber bisher auf unseren Ort nicht zu haben.“

Trotzdem wünscht sich Dorion genau wie sein Amtskollege Janzen auf der kanadischen Seite mehr Grenzpolizei. Eine Mauer aber, wie Trump sie an der Grenze zu Kanada plant, wollen beide auf keinen Fall. „Hier sollte keine Mauer stehen“, sagt Emersons Bürgermeister Janzen. „Wir haben eine gute Arbeitsbeziehung zu den USA. Viele von uns haben schon gegeneinander Hockey gespielt, eine Mauer würde den Beziehungen schaden.“


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