Rehragout, gerockt

Ferdinand Schmalz setzte sich mit seinem Schauermärchen „mein lieblingstier heißt winter“ beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis durch. Karin Peschka erhielt den Publikumspreis.

Ferdinand Schmalz ist der 41. Bachmann-Preisträger.
© ORF

Klagenfurt – Beim Bachmann-Wettbewerb werden nicht nur Texte und ihre Verfasser ausgezeichnet, sondern „Wandlungsprozesse“. Schreibt Angela Leinen in ihrer lesenswerten Handreichung „Wie man den Bachmannpreis gewinnt“, die leider nur noch als E-Book bezogen werden kann. Gemeint ist damit, dass es zum preiswürdigen Beitrag auch eine preisverdächtige Geschichte geben muss, die sich drum herum erzählen lässt.

Auf den ersten Blick widerspricht der Ausgang des diesjährigen Wettlesens um den Ingeborg-Bachmann-Preis Leinens These: Neo-Bachmann-Preisträger Ferdinand Schmalz ist – obwohl gerade einmal 32 Jahre alt – ein gefragter Theaterautor, bekam bereits zahlreiche Preise und schreibt im Auftrag großer Häuser. Derzeit etwa eine neue „Jedermann“-Bearbeitung für die Burg.

Und John Wray, der Schmalz im Stechen unterlag, aber den – heuer erstmals vergebenen – Deutschlandfunk-Preis in Höhe von 12.500 Euro erhielt, ist ein mehrfach ausgezeichneter Romancier.

Schaut man genauer hin, bestätigen Schmalz und Wray die Wandlungsprozess-These freilich passgenau: Schmalz reüssierte bislang, wie gesagt, als Dramatiker. Als Prosaiker ist er ein vergleichsweise unbeschriebenes Blatt. Und Wray debütierte in Klagenfurt mit seiner Möbiusband-Erzählung „Madrigal“ als deutschsprachiger Schriftsteller. Bislang schrieb der Sohn eines US-Amerikaners und einer Österreicherin auf Englisch.

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Doch selbst wenn man von solchen Überlegungen absieht, kommt man nicht umhin, die Entscheidung der Jury zu begrüßen. Wrays Beitrag war sprachlich wie kompositorisch virtuos. Und Schmalz’ „mein lieblingstier heißt winter“, ein Schauermärchen über einen, der Schauer heißt, Rehragout hortet und sich zwecks Aufrechterhaltung der postsuizidalen Kühlkette mit einem Eismann anfreundet, der beste Text des Wettlesens.

Auch weil es Schmalz verstand, die Wirk- und Dringlichkeit seiner Erzählung aus der Sprache selbst heraus herzustellen. Und nicht durch ausgeklügelte Verweise auf die außerliterarische Realität. Dem Siegertext wollte niemand hinterhergoogeln, er traf ganz unvermittelt als das, was er ist: ein mal mitreißendes, mal abstoßendes Stück Literatur, das – wie Juror Stefan Gmünder, des feingeistigen Fachsimpelns überdrüssig, feststellte – „rockte“.

Bereits nach seiner Lesung am Samstag empfahl sich der deutsche Autor Eckhart Nickel für höhere Würden. Seine zivilisationskritische Suada „Hysteria“ wurde von der Jury euphorisch besprochen. Tags darauf wurde er mit dem Kelag-Preis in Höhe von 10.000 Euro ausgezeichnet. Der mit 7500 Euro dotierte 3Sat-Preis ging an die Schweizerin Gianna Molinari für den Text „Loses Mappe“. Die oberösterreichische Autorin Karin Peschka, die die 41. Auflage des Bachmann-Wettbewerbs am Donnerstag mit dem Romanauszug „Wiener Kindl“ eröffnet hatte, wurde mit dem Publikumspreis (7000 Euro) ausgezeichnet. (jole)


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