Der Mythos IS gewinnt die Schlacht um Mossul

Die Terrorgruppe IS hat sich auf den Tag nach der militärischen Niederlage viel zu lange vorbereiten können — ein globales Netzwerk errichtet und die Anhänger längst auf einen langen Widerstandskampf eingeschworen.

Mossul ist längst zum Symbol geworden. Hierzulande zum Symbol im Kampf gegen den IS, für die Terrormiliz zum Symbol im Krieg gegen den Westen.
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Von Petra Ramsauer

Gegen die ganze Welt sei er in den Krieg gezogen, sagt Haidar Matueh, Kommandant der Offensive der irakischen Polizeieinheiten im Kampf um die irakische Stadt Mossul. „Briten, Franzosen, Chinesen, Australier: So gut wie alle Nationalitäten kämpfen gegen uns. Und einer von den Terroristen ist so gefährlich wie hundert von uns", gibt er unumwunden zu: „Sie kämpfen, weil sie sterben wollen, nicht leben. Und sie möchten so viele Menschen wie möglich mit in den Tod reißen." Jahrelang habe sich die Gruppe auf diese Schlacht vorbereitet. „Es gab ja einige ehemalige hochrangige Offiziere aus Saddam Husseins Armee, die zum Islamischen Staat übergelaufen sind. Die haben ihre besten Kämpfer zu Scharfschützen ausgebildet", so Matueh.

Der Propaganda-Feldzug

Nach wie vor gelingt es der Terrormiliz „Islamischer Staat", 24 Stunden, sieben Tage die Woche ihre weltweiten Anhänger via Internetkanälen mit Propaganda zu versorgen: Vom unbezähmbaren Widerstand gegen den Rest der Welt ist dabei die Rede: Die Metamorphose vom Terrorstaat zur global aktiven Terrorgruppe beschleunigt diese Darstellung: und macht sie gefährlicher denn je. Dass sie auf verlorenem Posten kämpfte, tat da nichts zur Sache.

In einem Blitzkrieg im Frühling 2014 war es der Terrorgruppe Islamischer Staat gelungen, die Hälfte Syriens und ein Drittel des Irak einzunehmen. Zwischen 45.000 und 85.000 Kämpfer der Terrormiliz aus 120 Ländern konnten diesen Staat, anfangs so groß wie Großbritannien, halten. Drei lange Jahre hat es gedauert, Luftangriffe einer Koalition von über 60 Staaten waren nötig, um diesen Terroristen ihr Terrain wieder abzutrotzen.

Von „einigen Wochen" Kampf war im Herbst 2016 die Rede, als Iraks Armee die Angriffe in Mossul startete. Doch der Krieg um die ZweiMillionen-Stadt entlarvte sich als Worst-Case-Szenario. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde keine Stadt so hart umkämpft; 900.000 Menschen flüchteten verzweifelt von der Front.

Erst jetzt nach fast neun Monaten steht der IS hier vor dem Fall. Die mutmaßlich hohen Verluste der irakischen Armee sind Staatsgeheimnis. Flotten von Autobomben donnerten in die angreifenden irakischen Soldaten und Polizisten.

Wie schwierig es wird, die IS-Terrormiliz zu besiegen: Darauf gibt die Schlacht um Mossul einen ernüchternden Vorgeschmack.

Vorbei ist der Krieg noch nicht: Noch hält der IS ein Rumpf-Terrain. Mit dem Führer der Gruppe, Abu Bakr al-Baghdadi, haben sich schon vor Wochen die hochrangigen IS-Kader in abgelegene Regionen entlang des syrisch-irakischen Grenzgebiets zurückgezogen. Jahrelang wurde um die Städte al-Qaim im Irak und die syrische Albu Kamal die „Wilayat al-Furat" („Euphrat-Provinz") zu einer Festung ausgebaut. Hier wurde nun das Hauptquartier errichtet; Familien untergebracht, hier operiert der Propagandaapparat; auch mit dem Ziel, verstärkt Anschläge in Europa und den USA zu provozieren.

Die Zahl der vom IS inspirierten Anschläge im Westen steigt tatsächlich proportional zur sich anbahnenden militärischen Niederlage in Syrien und im Irak. Und je länger die Führungsriege der Miliz den Widerstand ihres „Terrorstaates" unter Beweis stellen kann, umso mehr wirkt die Propaganda.

Tödliche Botschaften

Trotz gezielter Raketen-angriffe überlebten tonangebende Figuren die jüngste Offensive sehr lange. Etwa Abu al-Hassan al-Muhajir, der Propaganda-Chef. Er konnte noch am 12. Juni einen Terroraufruf via Internet veröffentlichen: „Was wir mit diesem Krieg jetzt erleben, ist eine Zeit der Prüfung, die Gott den wahren Gläubigen auferlegt, um sie zu reinigen. Bleibt euren Zielen treu und standhaft, dann werdet ihr schlussendlich über den Sieg jubeln." Und dazu seien noch mehr Anschläge nötig: „An unsere Glaubensbrüder in Europa, Amerika, Russland und Australien: Nehmt euch ein Beispiel an den anderen Attentätern und schlagt zu. Seid sicher, dass im Schatten des Schwertes das Paradies auf euch wartet."

Flankiert werden solche Reden von Propaganda-Material. So wird in einem Online-Magazin anhand von Info-Grafiken kaltblütig erläutert, in welchem Winkel Angriffe mit Lkw gegen Menschenmengen durchzuführen sind: „Sucht euch Einkaufsstraßen, Festivals und Märkte aus", heißt es dazu im Erläuterungstext.

Dass solche Botschaften ihre Empfänger erreichen, illustrieren dramatisch die jüngsten Ereignisse in Großbritannien, zuvor jene in Berlin und Nizza.

Inwieweit die Terror-Bosse solche Anschläge direkt steuern, unterscheidet sich von Fall zu Fall. Eine Analyse der jüngsten 50 IS-Terroranschläge im Westen, erarbeitet von Experten der George Washington University, identifizierte drei „Handschriften": Inspirierte Anschläge; jene, bei denen der Attentäter keine direkten Instruktionen der IS-Terrorführer erhält, sondern sich durch Propaganda anstiften lässt, waren für ein Viertel der Angriffe verantwortlich. 66 Prozent gelten als „angestiftet": Das heißt, es gab irgendeine Form des direkten Kontakts mit der Gruppe und lediglich acht Prozent wurden auf eine direkte Order aus den Hochburgen in Syrien und dem Irak durchgeführt.

Ob dies so bleiben wird, ist fraglich. Denn der IS könnte sich nach dem Ende seines Staates dramatisch verändern. Abu Mohammed al-Adnani, der im Dezember 2016 getötete ehemalige Hauptverantwortliche für Propaganda, dürfte schon lange für das Ende des Terrorstaates vorgebaut haben.

Durch die Gründung eines „Auslandsgeheimdienstes" namens „Emni" wollte er die Fundamente für eine europäische Zweigstelle legen. Tatsächlich zeigt sich, dass bei den Angriffen in Paris und Brüssel im Vorjahr — und erste Indizien weisen darauf hin, auch bei dem vereitelten Anschlag am Bahnhof in Brüssel — die Fäden dieses Emni-Netzwerkes zusammenlaufen.

Zahlreiche Mitglieder wurden mittlerweile identifiziert, verhaftet oder sind bei ihren Anschlägen ums Leben gekommen. Doch die offene Frage ist: Wie groß ist die Dunkelziffer der Aktivisten und vor allem, wird es abgebrühten Kämpfern, die irgendwie die Schlacht um die letzten Hochburgen des IS überleben, gelingen, nach Europa zu kommen und bei Emni anzudocken?

Die Autorin: Petra Ramsauer ist seit 20 Jahren als Krisen- und Kriegsberichterstatterin tätig. Ramsauer hat mehrere Bücher ("Die Dschihad-Generation. Wie der apokalyptische Kult des Islamischen Staats Europa bedroht.") veröffentlicht.

Von zirka 5000 europäischen „Foreign Fighters", die sich Dschihadistengruppen in Syrien und dem Irak angeschlossen haben, gehen die Behörden aus; aus Österreich kamen knapp 280. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen. Immerhin gab es lange vor der „Gründung" des IS im Juni 2014 heimliche Ausreisen. Ebenso unklar ist, ob europäische Kämpfer, die den Krieg überlebten, es bis in ihre Heimatländer schaffen.

Jene Kämpfer, die den erbitterten Kampf um die Hochburgen überleben, dürften aber künftig zu den gefährlichsten Terroristen der Geschichte zählen. Vor einem Monat ist bekannt geworden, dass Spezialagenten des französischen Geheimdienstes an der Front in Mossul aktiv sind, um die IS-Terroristen aus diesem Land zu finden und „zu eliminieren", wie es heißt. Eine waghalsige Aktion, die illustriert, wie hoch die Nervosität ist.

Ob die IS-Veteranen die größte Gefahr bergen oder eher noch unentdeckte Schläferzellen, Terroristen, die stillhielten und nie ausreisten, ist offen.

Sicher ist: Ein weltweites Netzwerk wurde aufgebaut, akribisch geplant, was zu geschehen hat, wenn der Staat nicht mehr existiert. So werden seit über einem Jahr Sympathisanten über Internet-Botschaften des IS dazu aufgefordert, in ihren Heimatländern zu bleiben und dort zuzuschlagen.

Was heißt hier Niederlage?

Alarmiert äußerten sich diesbezüglich jüngst Experten des US-Außenministeriums in einer Lage-Einschätzung. „Die Terrorgefahr durch den Islamischen Staat nimmt derzeit bedrohlich zu. Es ist zu befürchten, dass der Verlust der Legitimität durch die militärische Niederlage durch eine Attentatswelle kompensiert wird", heißt es darin weiter. Das Problem dabei: Um sich auf exakt dieses Szenario gut vorzubereiten, hatte der IS viel Zeit; zu viel Zeit.

So mag der IS militärisch verlieren, der Mythos aber hat diesen Krieg nicht nur gewonnen, sondern exakt in dieser Härte gebraucht, um zur Basis einer neuen Ära des „Islamischen Staates" zu werden.


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