Machtprobe in Polen: Präsident Duda sagt Nein zur Justizreform
Mit seinem deutlichen Nein zur umstrittenen Justizreform hat sich Andrzej Duda überraschend dem mächtigen PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski in den Weg gestellt – und erhörte damit die vehementen Proteste Tausender Polen.
Von Natalie Skrzypczak/dpa
Warschau/Brüssel - Der polnische Präsident Andrzej Duda gilt in seiner Heimat als umstritten, doch nun ist er der Mann der Stunde: Mit seinem deutlichen Nein zur umstrittenen Justizreform hat er sich Jaroslaw Kaczynski in den Weg gestellt. Erstmals sei die Macht des Vorsitzenden der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) infrage gestellt worden, titelten polnische Medien.
Der PiS-Chef hat zwar kein Regierungsamt inne, gilt aber trotzdem als mächtigster Mann im Land. Ministerpräsidentin Beata Szydlo und Duda galten bisher als seine Marionette.
Tausende protestierten landesweit
Doch im sich zuspitzenden Streit um die Unabhängigkeit der polnischen Justiz legte der gebürtige Krakauer nun Einspruch gegen gleich zwei äußerst umstrittene Justizreformen aus der Feder der Kaczynski-Partei ein. Tausende um die Demokratie besorgte Bürger waren landesweit auf die Straße gegangen. Opposition und hochrangige Regierungs- und Justizvertreter im In- und Ausland hatten vor einem drohenden Regierungs-Einfluss auf die Justiz gewarnt. Duda müsse handeln, forderten sie. Mit Erfolg.
Die wachsenden Ängste der Bürger vor einer tyrannischen Regierung hätten ihn zur schnellen Entscheidung bewogen, sagte der mit einer Deutschlehrerin verheiratete Familienvater. Polen brauche Ruhe „und dafür fühle ich mich als Präsident mitverantwortlich“, sagte der 45-Jährige, der, bevor er 2015 das Amt im Präsidentenpalast übernahm, bescheiden mit Tochter und Frau in einer Krakauer Großwohnsiedlung lebte.
Mühelos hatte das Gesetz zur Neuordnung des Obersten Gerichts das Parlament passiert, wo die PiS die absoluter Mehrheit hat. Für Kritik sorgte auch die Reform des über die Unabhängigkeit der Justiz wachenden Landesrichterrats (KRS). Die Novellen lagen zur Unterschrift auf Dudas Schreibtisch bereit.
Experten warnen vor Fassade
Experten vermuteten zunächst, der 45-Jährige werde angesichts der Sanktionsdrohung Brüssels Zeit schinden und sie zur Überprüfung ans Verfassungsgericht geben. Sie warnten vor einer Fassade, denn das Tribunal gilt nach einer PiS-Reform 2015 als befangen. Dieses Prozedere hätte das Inkrafttreten der Gesetze und damit auch Strafen der EU-Kommission lediglich hinausgezögert.
Deswegen und weil er selbst aus den Reihen der PiS stammt, kam Dudas Machtwort für Reformgegner wie Anhänger überraschend. Kritiker blieben daher misstrauisch. Denn Duda arbeitete früher für Jaroslaw Kaczynski und dessen 2010 verstorbenen Bruder, Ex-Präsident Lech Kaczynski. Die Nationalkonservativen hatten seinen Wahlkampf unterstützt und dem Politiker quasi über Nacht an die Staatsspitze verholfen. Nicht uneigennützig, wie es heißt. Denn obwohl Duda nach seiner Wahl aus der PiS austrat, winkte er selbst deren umstrittenste Gesetze durch.
In Unterstützung der Nationalkonservativen habe Duda bereits mehrfach gegen die Verfassung verstoßen, klagte unlängst auch der Doktorvater des an der renommierten Krakauer Jagiellonen-Universität promovierten Juristen. „Ich habe ihn oft gewarnt. Doch leider hat er meine Nummer blockiert, Mails nicht beantwortet und den Kontakt abgebrochen“, sagte Professor Jan Zimmermann nach Dudas umstrittener Begnadigung eines prominenten PiS-Mitglieds. Die Rechtmäßigkeit von Dudas Amtshandlung im Jahr 2015 prüft nun das Oberste Gericht, dessen Richter durch die PiS-Reform ausgetauscht werden sollten. Dies hätte auch Duda in die Hände gespielt, sagen Experten.
Kaczynski wutentbrannt
Duda habe beim Veto tatsächlich ohne Absprache mit der PiS auf eigene Faust gehandelt, vermuten mitunter deswegen auch viele seiner Gegner. Dies legte auch das zunächst überraschte Schweigen der Nationalkonservativen nahe. Wutentbrannt sei Kaczynski zur Krisensitzung in die PiS-Zentrale gerauscht, berichteten polnische Fernsehkommentatoren. Die Eigeninitiative des Präsidenten sei riskant, bewertete der Warschauer Politologe Professor Rafal Chwedoruk laut Agentur PAP Dudas Veto. Denn damit droht der Präsident das Vertrauen treuer Kaczynski-Wähler zu verspielen, die ihm zum Wahlsieg verhalfen.
Dennoch warnten Juristen im Streit um Polens Gerichte vor zu viel Übermut. Eine dritte umstrittene PiS-Reform werde Duda unterschreiben, teilte die Präsidialkanzlei nämlich direkt nach dem Veto mit. Das Gesetz wird der Regierung Einfluss auf die allgemeinen Gerichte verleihen - auch davor hatte die EU-Kommission gewarnt. Zudem galt der Veto-Stopp der zwei am meisten kritisierten Reformen nur als vorläufige Entwarnung. Sie werden wieder auf den Tisch kommen: Aber überarbeitet und verfassungsgemäß, wie viele Polen hoffen.
Die umstrittene Justizreform in Polen
Seit ihrem Amtsantritt Ende 2015 treibt Polens Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) die von ihr im Wahlkampf versprochene Reform der Justiz voran. Nach ihrer Machtübernahme schränkten die Nationalkonservativen zunächst die Kompetenzen und damit auch Unabhängigkeit des Verfassungsgerichts ein, wie Juristen kritisierten. Die EU-Kommission leitete daraufhin ein Rechtsstaatsverfahren ein.
Für erneute Empörung sorgte nun die von der PiS angestrebte Neuordnung des Obersten Gerichts. Sie sollte es der Regierung mitunter ermöglichen, Richter des Tribunals in den Ruhestand zu schicken und ihre Posten neu zu besetzen. Wer bleiben darf, darüber sollten Politiker bestimmen. Experten warnten vor einem zu großen Regierungseinfluss auf die Justiz und sahen die Gewaltenteilung in Gefahr. Es wurde die Sorge laut, dass ein befangenes Oberstes Gericht künftig sogar Wahlen für ungültig erklären könnte. Die Verkürzung der Amtszeiten der Richter verstoße gegen die Verfassung, hieß es weiter. Auch die Richterposten in dem über die Unabhängigkeit der Justiz wachenden Landesrichterrat (KRS) sollten mit vergrößertem Einfluss der Regierenden neu besetzt werden.
Die zwei umstrittenen Reformen hielt das Veto des Präsidenten Andrzej Duda zunächst vom Inkrafttreten ab. Allerdings kündigte seine Kanzlei an, er werde eine dritte von der EU-Kommission kritisierte PiS-Reform unterschreiben. Sie sieht einen stärkeren Einfluss des Justizministers, der auch das Amt des Generalstaatsanwalts ausübt, auf die allgemein Gerichte vor und weckt bei Kritikern ebenfalls Sorge um die Unabhängigkeit der Justiz.