Kino

Der alte Mann und der Sozialismus: “In Zeiten des abnehmenden Lichts“

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In Matti Geschonnecks Bestsellerverfilmung „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ implodiert die DDR.

Innsbruck –Es geht abwärts. Der Parteifunktionär Wilhelm Powileit legt keinen besonderen Wert auf Ehrungen, dennoch hortet er jeden Orden, jeden Zeitungsartikel über sich in einer Zigarrenkiste. Vor zehn Jahren wurde er im Neuen Deutschland auf der ersten Seite („Ein Leben für die Arbeiterklasse“) gefeiert. Powileits Neunziger widmet das SED-Zentralorgan gerade noch einen Zweispalter auf Seite drei, wenn auch mit aktualisiertem Titel: „Ein langes Leben für die Arbeiterklasse“. Bruno Ganz spielt diesen Greis fast ohne Maske. In dieser Einstellung, in der er mit leichten Verschiebungen seiner Gesichtsmuskeln als alter Mann voller Verbitterung in den Devotionalien einer vorgeblich kämpferischen Biografie kramt, zeigt Ganz seine große Kunst, wenn er schließlich in seinen Augen einen Rest von Humor aufblitzen lässt, der notwendig ist, um die ironische Wendung in einem den Regeln des real existierenden Sozialismus folgenden Lebens zu erkennen.

Der publizistischen Vernachlässigung folgt bei der Geburtstagsfeier in Powileits Vorstadtvilla die Demütigung durch Gratulanten aus der zweiten Parteireihe. Wie es sich gehört, liefern die Vertreter des „Kombinats Powileit“ Glückwünsche und kleine Geschenke ab, Partei und Kreisleitung entsenden nur noch Stellvertreter und Sekretäre. Die Missachtung ist dem Datum geschuldet. Am 1. Oktober 1989 sind die ersten 6000 DDR-Flüchtlinge mit Sonderzügen aus Prag in der BRD angekommen. Und einmal in Fahrt gekommen, wüsste Powileit als Stalinist, was in einer solchen Situation zu tun ist.

Für Matti Geschonnecks Verfilmung von Eugen Ruges Bestseller „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ hat der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase die Geschichte der Familie Powileit und der DDR auf diesen 1. Oktober 1989 verdichtet. Wie der Menschendarsteller Bruno Ganz versteht es auch der Autor Kohlhaase, Jahrgang 1931, Gefühle, Erinnerungen und politische Ereignisse auf eine Bildmetapher zu bringen, eine Fertigkeit, die ihm in der DDR 1965 eine vorläufige Beendigung seiner Autorenkarriere bescherte, als das Zentralkomitee der SED die Wirklichkeit aus dem Kino verbannen ließ, um „schädliche ideologische Erscheinungen des Skeptizismus und der Entfremdung“ zu verhindern, wie im Neuen Deutschland am 19. Dezember 1965 zu lesen war. Powileits einzige Fehleinschätzung war nach der Machtübernahme der Nazis der falsche Fluchtweg. Statt sich in die Sowjetunion abzusetzen, entschied er sich für Mexiko. Dafür musste sein Stiefsohn Kurt Umnitzer (Sylvester Groth) in einem sibirischen Gulag büßen. Dessen Sohn Sascha (Alexander Fehling) hat sich am Morgen von Opas Jubeltag davongemacht. Das Buffet wird von der Kombinatsküche geliefert. Mehr Tristesse ist nicht vorstellbar. (p. a.)