Dauerregen und Muren im Norden, der Süden Europas trocknet aus
Hartnäckige Tiefdruckgebiete bescheren Mittel- und Nordeuropa eine nasse und kalte letzte Juliwoche. In Tirol ist mit Steinschlägen und Muren zu rechnen. Die anhaltende Hitze in Südeuropa entzündet nicht nur Waldbrände, sondern trocknet auch die lebenswichtigen Wasserreservoire aus.
Innsbruck – Regen, Kälte, tiefe Wolken. Keine Spur von gut besuchten Freibädern, Almen und Gastgärten. Dafür bestimmen Bilder und Meldungen von Murenabgängen und Überschwemmungen die Schlagzeilen. Der Sommer in Mitteleuropa scheint eine Auszeit genommen zu haben.
Dabei sind Kälte und Regen im Juli in Mittel- und Nordeuropa keine Seltenheit, sondern gehören zum Sommer dazu, wie Meteorologin Monika Weis von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Innsbruck erklärt. Das liege zunächst einmal daran, dass die großen europäischen Tiefdruckgebiete im Norden entstehen. Diese können sich dann nach Süden hin ausbreiten bzw. so abschnüren, dass sie selbstständige Tiefdruckgebiete bilden. Ein Beispiel ist das berühmt-berüchtigte Genuatief, das schon manchen Italien-Urlaub verregnet hat. Derzeit bleibt laut Meteorologin Monika Weis das schlechte Wetter allerdings in den Alpen bzw. den Pyrenäen hängen und zirkuliert nun schon länger über Mittel- und Nordeuropa. Das Resultat: Stark- und Dauerregen hierzulande, Hitze und Trockenheit im Süden Europas.
Der Wetterdienst Ubimet warnt deshalb vor einer steigenden Hochwasser- und Murengefahr. Vor allem in Kärnten, in weiten Teilen der Steiermark sowie im Salzburger Lungau gab es in den vergangenen Tagen große Regenmengen. In diesen Regionen regnete es binnen 36 Stunden verbreitet 50 bis 80 Liter pro Quadratmeter. Im Kärntner Flattnitz kamen insgesamt sogar 144 Liter pro Quadratmeter zusammen – so viel, wie dort in einem durchschnittlichen Juli fällt.
Bis zum Donnerstag geht es in der gleichen Tonart weiter, wie Ubimet-Chefmeteorologe Manfred Spatzier erklärt. Sehr nass wird es dabei von Vorarlberg bis in die Obersteiermark und ins westliche Niederösterreich. Speziell in den Nordalpen vom Bregenzerwald bis ins Salzkammergut und ab Mittwoch allmählich bis ins Mostviertel zeichnen sich große Niederschlagsmengen von 40 bis 80 Liter pro Quadratmeter ab. „Im Stau des Arlbergs sind sogar bis zu 100 Liter pro Quadratmeter denkbar“, so Spatzier. „Aufgrund der dort bereits sehr nassen Böden steigt die Gefahr von lokalen Hochwassern und Muren an.“ Die Schneefallgrenze sinkt zudem vorübergehend auf 2400 bis 2000 m. Der starke Regen klingt ganz im Westen bis Mittwochnacht ab, nach Osten hin erst im Laufe des Donnerstags. Bei der Tiroler Landesgeologie rechnet man jedenfalls mit Ereignissen wie Steinschlägen oder Murenabgängen – vorausgesetzt, die prognostizierten Starkregenmengen fallen auch tatsächlich.
Besonders betroffen von den Niederschlägen der vergangenen Tage ist Deutschland. Im Süden Niedersachsens und im Norden Thüringens sind laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) binnen 24Stunden 50 bis 80 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen, punktuell sogar 100 Liter pro Quadratmeter. „Das ist mehr als die übliche monatliche Niederschlagsmenge, und es wird noch einiges dazukommen“, sagte DWD-Meteorologe Thore Hansen.
Im Süden Niedersachsens führte der Dauerregen in einigen Orten zu Überschwemmungen. Keller liefen in der Nacht auf Dienstag voll, Bäche traten über die Ufer. Besonders stark betroffen waren die Landkreise Holzminden und Hameln-Pyrmont, die Region Hannover und der Harz. Menschen seien bislang nicht verletzt worden, hieß es.
In Sachsen-Anhalt stiegen wegen des Dauerregens die Wasserstände einiger Flüsse stark an. Für die Holtemme im Harz gilt an einem Pegel bereits die höchste Alarmstufe 4, wie die Hochwasservorhersagezentrale mitteilte. Demnach sind Flächen entlang des Gewässers bereits überflutet. Auch an anderen Flüssen im Harz rechnen die Experten mit steigenden Wasserständen. An größeren Flüssen wie der Elbe und der Saale herrschte zunächst keine Hochwassergefahr.
Entspannung – sowohl in Deutschland aus auch in Österreich – wird erst mit dem Donnerstag erwartet. Dann klingen die Regenschauer ab und es wird wieder wärmer. Das Wochenende in Tirol verspricht wieder sommerlich zu werden: mit viel Sonne und Temperaturen über 30 Grad.
Den Süden Europas dürstet es nach Wasser
Mächtige Flüsse wie der Po in Italien oder der spanische Tajo sind längst nur noch Rinnsale. Die Schäden in der Landwirtschaft gehen in die Milliarden. Seit Monaten wird der Süden von Hitze geplagt, die kaum eine Wolke unterbindet.
So lagen die Juni-Temperaturen in Italien etwa 3,6 Grad über dem langjährigen Durchschnitt, der Niederschlag weit darunter. Es soll gar der trockenste Frühling seit 1800 gewesen sein. Regnet es doch einmal, dann sind es heftige, kurze Unwetter, die maximal Muren auslösen, die Pegelstände in den Seen und Flüssen aber nicht steigen lassen.
In der Region Latium etwa fiel heuer um 80 Prozent weniger Regen als im Schnitt. Die Pegelstände der Wasserspeicher der Drei-Millionen-Stadt Rom sind auf einem Rekordtief. Der Wasserstand des Braccianosees ist allein in der vergangenen Woche um 1,64 Meter gesunken.
Das wirkt sich auch auf den Alltag der Menschen aus. In 20 Gemeinden der Provinz Rom ist gestern das Wasser rationiert worden. Im Vatikan wurden vorsorglich schon am Montag die Brunnen abgestellt. Der italienischen Hauptstadt droht dies ab Freitag. Bis zu acht Stunden täglich könnten die Wasserleitungen abgedreht werden, wenn nichts mehr aus dem Braccianosee gepumpt werden darf, damit dessen Ökosystem nicht kippt. 1,5 der drei Millionen Römer säßen auf dem Trockenen. „Ich würde US-Präsident Trump nach Bracciano einladen, damit er sieht, was passiert, wenn man dem Klimawandel nicht entgegenwirkt“, meinte der Chef der römischen Wasserwerke, Paolo Saccani, kürzlich auf tagesschau.de.
Zehn Regionen in ganz Italien dürften schon demnächst den Notstand ausrufen, um finanzielle Unterstützung für die Landwirtschaft zu erhalten. Betroffen ist etwa auch Venetien, die Weinproduktion ist akut gefährdet.
Auch die Spanier sitzen auf dem Trockenen. Die Iberische Halbinsel hat den heißesten Frühling seit Beginn der Wetteraufzeichnungen hinter sich. Schon Mitte Juni wurden in Madrid einige Male mehr als 40 Grad gemessen. Wasser wird bereits rationalisiert, die Verluste in der Landwirtschaft beziffern Agrarier mit weit mehr als 1,5 Milliarden Euro. Spanien droht die größte Trockenheit seit Langem. Das Problem: Wirklich große Dürren in Spanien dauerten im Schnitt drei Jahre, warnte Jorge Olcina vom Klima-Institut der Universität Alicante. Die vorläufig letzte derartige Dürreperiode habe es zwischen 1992 und 1995 gegeben.