Tiroler Festspiele Erl

Für die, die schon alles wissen

© Peter Kitzbichler

Die Musicbanda Franui und Hans Magnus Enzensberger inszenierten „Lieder mit Worten“ bei den Tiroler Festspielen Erl.

Von Christine Peham

Erl –Wer sich an diesem kalten Abend nach Erl aufmachte, hatte in jedem Fall eine wärmende Jacke und Schirm dabei, um sich, dort angekommen, von einer kleinen Herde brauner Schafe statt der Kühe des Sujets auf dem Weg zum Festspielhaus begleiten zu lassen – mehr Lokalkolorit kann man eigentlich nicht bestellen.

Die Programmierung des Abends sah jedoch eine gänzlich andere Atmosphäre vor: eine Werkschau der Gedichte von Hans Magnus Enzensberger von 1950 bis 2015 und musikalische Bearbeitungen sowie Kompositionen der Musik Schuberts, Schumanns, Brahms’, Mahlers, Bartóks u. a. durch die Musicbanda Franui. Wer aber nun einen Abend des Formats „Lesung mit Musik“ erwartete, lag weit daneben. Verbindendes Element war der schonungslose Blick in die menschliche Seele, sodass der Scharfsinn Enzensbergers auf die musikalische Intelligenz Franuis traf. Rezitationen und musikalische Bearbeitungen griffen teils ineinander, in der Abfolge jedoch immer genau auf den Inhalt abgestimmt, ergänzt um musikalische Zwischenspiele, die sicher zur nächsten Text-Musik-Paarung überführten. Zwischen den programmierten Collagen blitzten auch immer wieder weitere musikalische Anklänge von „Maria durch ein Dornwald ging“ bis zu den „Simpsons“ auf.

Die Texte Enzensbergers schöpften die gesamte Bandbreite aus: Er blickte in die Zeit des Faschismus, erteilte der Nostalgie eine Absage und zeigte die Vergangenheit ohne Rührung als entbehrliches Gut, ließ tief in emotionale Schreckensszenarien der Zwischenmenschlichkeit blicken, zeichnete mit klarem Strich Szenen aus dem Alltag, führte seine scharfsinnigen Miniaturen aber auch launig-lakonisch aus.

Auch Franui schöpfte aus dem Vollen: von den zart getupften Saitenklängen, den überzeugenden drei-, einmal auch vierstimmigen vokalen Passagen, dem vollen Klang des Blechs, harmonisch allesamt ergreifende, kluge musikalische Sätze. Ein intensiver Abend, an dem es so schien, als führe alles, was Franui bis dahin gemacht hat (von den Trauermärschen über die Schuberttänze bis zu den Liedbearbeitungen) logisch zu Enzensbergers Rückschau auf 65 Schaffensjahre direkter Lyrik. Das für den Abend geschaffene „Lied von denen, auf die alles zutrifft“ wurde als Zugabe wiederholt: ein in bester Manier des dialektischen Theaters durchinszeniertes Stück mit zwei Sprechern sowie unisono Chor und Ensemble beleuchtete scharf die Widersprüche unserer Gesellschaft sowie die Bereitschaft, diese Unvereinbarkeiten auszuhalten. Ein wichtiger Text in diesen Zeiten, ein Abend der perfekten Symbiose zwischen rezitiertem Wort und Klang.