Bühne

Im Bergwerk der Bigotterie

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Lina Beckmann brilliert in der Titelrolle von Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“ auf der Perner Insel. Karin Henkels Inszenierung ist packend, aber mitunter etwas übermotiviert.

Von Ivona Jelcic

Salzburg –Von den fruchtbaren Landschaften Schlesiens ist in der für die Salzburger Festspiele entstandenen „Rose Bernd“ auf der Halleiner Perner Insel nichts zu sehen: Volker Hintermeiers Bühnenbild zeigt eine bergwerksartige Höhle, gehalten von kaltem Stahlgerüst. Hier werden die Sensen geschliffen, hier hört man von Ferne das Wummern der dampfbetriebenen Dreschmaschine (schöne Grüße von der Industrialisierung), hier flackern im Hintergrund beständig die Kirchenlichter und murmeln die Kirchenleut’ ihre Mantras in Mikrofone, hier weist selbst der kreuzförmig angelegte Bühnenboden den Weg zu den zwei einzigen Optionen dieses Lebens: Arbeit und Gebet.

Hier schleicht auch keine rotwangige Rose Bernd wie bei Hauptmann nach dem Liebesspiel aus dem Gebüsch hervor, sondern bricht mit weiß geschminktem Gesicht, folkloristisch bekränzt wie eine Kuh beim Almabtrieb (Kostüme: Adriana Braga Peretzki), frivol lachend in die Bühnenmitte ein – in voller Aktion mit ihrem Liebhaber, dem Dorfschulz’ Flamm.

Zuvor auf den Bühnenvorhang zu schreiben, die Zukunft sei ein Albtraum, war gänzlich überflüssig. Das betrifft später, im vierten Akt, wenn sich die Inszenierung nach einem packenden ersten Teil ein wenig dahinzuschleppen beginnt, auch die mittels weiß perücktem Mädchenchor heraufbeschworene Rührseligkeit. „Itze bin ich am Ende“, hat Rose da ohnehin schon längst gestammelt. Sie hat einen Meineid geschworen. Sie hat ihr Neugeborenes erwürgt.

Aber der Kraft dieser Tragödie und der Bildmächtigkeit, mit der sie dem Hauptmann’schen Naturalismus ins Gesicht fährt, scheint Regisseurin Karin Henkel mitunter selbst nicht ganz zu trauen, weshalb da und dort noch mal eins draufgesetzt wird. Was eigentlich schade ist. Mit der bei der Premiere völlig zu Recht stürmisch bejubelten Lina Beckmann hat sie nämlich auch eine Hauptdarstellerin, die locker ohne derlei Sperenzchen auskommt.

Bedrängnis, seelische Verletzung und die Scham, die an Rose Bernd statt an all jenen, die sich eigentlich schämen müssten, kleben bleibt, bringt Beckmann mit beeindruckender Intensität auf die Bühne. Auch der schlesische Dialekt, in dem Hauptmann das Stück schrieb und an dem Henkel festgehalten hat, ist bei Beckmann am allerbesten aufgehoben, während sich manch anderer damit herumschlägt. Bei Gregor Bloéb gerät das Schlesische eher zu einem verwaschenen Bellen, seiner Darstellung des trunksüchtigen Maschinisten Streckmann, der Rose schon lange hinterherhechelt und das Wissen um ihre Affäre zum erpresserischen Gewaltinstrument macht, tut das am Ende nicht allzu viel Abbruch: Man nimmt ihm den gewissenlosen Brutalo durchaus ab.

Die Kindsmörderin als Opfer patriarchaler Machtstrukturen, das ist in Gerhart Hauptmanns 1903 entstandenem Sozialdrama „Rose Bernd“ ein deutlicher Kommentar zu einer von humanistischem Weltverständnis meilenweit entfernten, verstockten Bigotterie und überkommenen Gesellschaftsordnung. Zugrunde lag dem Stück ein wahrer Fall: Hauptmann war kurz zuvor Geschworener in einem Gerichtsprozess gegen eine Kindsmörderin und erwirkte einen (in zweiter Instanz wieder aufgehobenen) Freispruch. „Rose Bernd“ schrieb er unmittelbar nach diesem Erlebnis.

Henkel ist es trotz mancher Schwächen gelungen, dieser nüchternen Beobachtung einer Kultur des Wegschauens und Leugnens jeglicher Verantwortung auf der Perner Insel neues Leben einzuhauchen, ohne sie deshalb gleich ins Gegenwärtige zu zerren. Ein überwiegend überzeugendes Ensemble hat daran großen Anteil, hervorzuheben ist Julia Wieninger als gelähmte Ehefrau des feigen Schwerenöters Flamm (Markus John), der sich, als er aufgeflogen ist, auch nicht dafür zu schade ist, sich ausgerechnet hinter der Betrogenen zu verstecken.