Milo Raus „Kongo Tribunal“: Mahnmal gegen die Straflosigkeit

Locarno/Kinshasa (APA/sda) - Im rohstoffreichen Kongo kämpfen Milizen um die Hoheit in den Minengebieten. Massaker an der Zivilbevölkerung s...

Locarno/Kinshasa (APA/sda) - Im rohstoffreichen Kongo kämpfen Milizen um die Hoheit in den Minengebieten. Massaker an der Zivilbevölkerung sind an der Tagesordnung - und bleiben ungesühnt. Diese Straflosigkeit prangerte der Schweizer Theater- und Filmregisseur Milo Rau 2015 mit dem „Kongo Tribunal“ an. Sein gleichnamiger Dokumentarfilm feierte am Sonntag am 70. Filmfestival Locarno im Rahmen der Kritikerwoche Premiere.

Der Film dokumentiert die beiden Kongo-Tribunale, die im Mai 2015 im kongolesischen Bukavu sowie im Juni 2016 in Berlin durchgeführt worden waren. Im Rahmen einer fiktiven Gerichtsverhandlung wurden zahlreiche Zeugen von Massakern und Opfer von Vertreibung angehört sowie Regierungs- und Minenvertreter befragt.

Auf der Anklagebank: die kongolesische Regierung, die ihre Bevölkerung ungenügend schützt; die Rohstoffmultis, deren Minen zur Vertreibung von Dorfgemeinschaften führen und deren Profite ins Ausland fließen. Am Pranger steht auch die internationale Gemeinschaft, die unfaire Handelsregeln zulässt und die Augen vor den Folgen verschließt.

Obwohl die Verhandlung fiktiv und der Schuldspruch rein symbolischer Natur ist, zeigt sich Milo Rau von der Wirkung des Tribunals überzeugt. „Für die Menschen im Kongo ist dieser Film zu einem Symbol für Gerechtigkeit geworden“, erklärte Rau am Sonntag in Locarno.

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Der Regisseur kehrte erst vor wenigen Tagen aus dem zentralafrikanischen Land zurück, wo er den Film in einer zweiwöchigen Tournee Tausenden von Zuschauern vorgestellt hat. „Es gibt ein riesiges Bedürfnis der Menschen, angehört zu werden.“ Menschenrechtsgruppen wollen vor Ort weitere Tribunale anstoßen.

Auch für den belgischen Menschenrechtsexperten Jean-Louis Gilissen, der das Kongo-Tribunal präsidierte, ist der Film nur der Anfang, wenn auch ein symbolischer: „In den 50 Jahren seit der Unabhängigkeit hat noch nie jemand der Zivilbevölkerung das Wort erteilt“, betonte Gilissen anlässlich der Filmpremiere in Locarno.

Milo Rau setzt auch auf eine Sensibilisierung im Norden. Mehr öffentlichen Druck erhofft sich der Regisseur insbesondere auf internationale Unternehmen, die im Kongo Minen betreiben oder daran beteiligt ist. „Es braucht eine Justiz, die aufzeigt, dass deren Geschäftsgebaren, das zur Vertreibung der Bevölkerung führt, kriminell ist.“

Bei der Premiere in Locarno war Bundesrätin Simonetta Sommaruga als Zuschauerin anwesend. Auf eine Frage aus dem Publikum, was die Schweiz gegen dreckige Rohstoffgeschäfte tun könne, verwies die Justizministerin auf die laufende Revision des Schweizer Aktienrechtes.

Diese sieht vor, dass Rohstoff-Firmen in Zukunft ihre Zahlungen an Regierungen offenlegen müssen. „Das ist ein Beitrag, den die Schweiz leisten kann, um Korruption zu vermeiden“, sagte Sommaruga. „Es ist ein kleiner Beitrag, aber wir hoffen und kämpfen dafür, dass das Parlament wenigstens diesen kleinen Schritt machen wird.“

Die Schweizer Bevölkerung werde sich zu einem späteren Zeitpunkt zur sogenannten Konzernverantwortungsinitiative äußern können. Das Volksbegehren verlangt, dass globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz einem zwingenden Regelwerk unterstellt sind, wenn es um die Durchsetzung von Menschenrechten und Umweltschutz bei ihren weltweiten Tätigkeiten geht.


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